„Gut, machen wir!“ Elisabeth hatte gewünscht, am Abend auf die Höhe zu steigen und zuzusehen, wie die Sonne ins Meer sinkt.

‚Auf die Dauer natürlich halte ich das nicht aus. Wir müssen uns vereinigen, eins werden. Wenn wir uns nicht einigen können, dann muß einer weichen: der andere oder ich.‘

‚Du standest schon am Anfang deines Ich.‘

Wer hat das gedacht? dachte erschauernd Jürgen und goß dabei Wein ins Glas. „Dir auch?“ ‚Das habe eben nicht ich gedacht. Hat das der andere gedacht? Oder ein Dritter?‘

Er fror im Rückenmark. Gierig leerte er pausenlos hintereinander zwei Glas Wein.

‚Ich befinde mich offenbar in einem Übergangsstadium. In einem Entwicklungsstadium. Ich entwickle mich. Das soll in meinem Alter noch vorkommen. Ich muß trachten, in ein erträgliches Verhältnis zu mir zu kommen. Denn ich muß ja leben mit mir.‘ Auch die Stirn hatte sich gerötet.

Nach Sonnenuntergang saßen sie auf der Terrasse des Hafenrestaurants. Zwei Männer schleppten einen wassertriefenden Bastkorb voll Austern zwischen den Tischen durch in die Küche. Straßenhändler boten den Gästen Kämme, Stickereien, Elfenbeinschnitzereien an. Der Himmel, die Luft, das Meer, das Leben des Hafens und der Straße fluteten durch das vornehme Restaurant durch. Alle Grenzen waren verwischt. Musik spielte. An der Hausmauer gegenüber wechselten die kinematographischen Bilder, genossen von der dicken Menschenmenge.

Sie aßen Austern. Die kosteten nicht viel mehr als Brot. Tranken eine Flasche Champagner dazu. Ein kleines, dickes Mädchen, achtjährig, Kastagnetten in den Händchen, schmale Papierschleifen – blau, rot, grün – im Haar und auf dem Röckchen, das die nackten, dicken Schenkelchen freiließ, trat an den Tisch und begann zu tanzen, sang ein Bordellied dazu, hob das Röckchen hinten hob das Röckchen vorne, spreizte im Tanztakt die Beinchen auseinander, mit obszöner Gebärde.

Ein nach dieser Seite vorgeschobener Posten der Lebenskraft, dachte Jürgen. ‚Ihr sind alle Mittel recht, wenn sie nur zum Ziele führen.‘ Er fühlte in den Gelenken eine Lähmung, die nicht unangenehm war. Elisabeth strich zärtlich über den Kopf der Kleinen.

Eine Stunde später saß sie, den Rücken Jürgen zugekehrt, schon entkleidet vor ihren Kämmen und Bürsten. Das offene Haar leuchtete gelb. Durch den Spiegel nickte sie Jürgen zu, gab ihrer Schulter einen Kuß, der ihm galt.