Heute abend könne er nicht zum Essen nachhause kommen, teilte er telephonisch Elisabeth mit, die daraufhin ihrem gegenwärtigen Geliebten, einem Maler, sofort telephonisch mitteilte, daß sie heute abend wieder auf eine Stunde zu ihm ins Atelier kommen werde.

Wie damals vor der Animierkneipe, standen die vier Schulkameraden schon wartend vor dem Portal, das auf den Nacken zweier marmorierter Gipsherkulesse ruhte. Adolf hob den Spazierstock wie eine Kerze. „Ich habe uns schon angemeldet ... Noch die selbe Wirtin, eine alte Hure! Du erinnerst dich, Jürgen, wir sind damals vom Korsorestaurant aus hingegangen. Aber andere Damen! In jedem Zimmer zwei Waschschüsseln! Dabei doch dezente Aufmachung! Schon wie in Berlin!“

Jürgen erkannte das von Säulen getragene, mit Gipsmarmorplatten ausgeschlagene Stiegenhaus wieder. Eine flackernde Kerze, eine hohe Frisur, zwei schwarze Riesenaugen und ein violetter Schlafrock kamen lautlos die Treppe herunter. Die geschminkte Wirtin legte sofort den Zeigefinger an den Mund, stieg voran.

„Hols der Teufel, diese Leisetreterei! Warum knipsen wir denn die Nachtbeleuchtung nicht an!“ rief in dem Poltertone seines alten Batteriechefs, der ihm Vorbild war, der Artillerieoffizier.

Die Wirtin legte den Zeigefinger an den Mund. Der Referendar versteckte seine Brieftasche in der Geheimtasche des Westenfutters und lächelte.

„Weil eben ein Menschengesicht zu lächeln vermag“, sagte Jürgen vor sich hin und gedachte mit Erinnerungszärtlichkeit des Jürgen, der damals, um über seine knabenhafte Unsicherheit wegzutäuschen, die Mädchen wie ein erfahrener Lebemann begrüßt hatte. Heute trat er so gelassen in den orientalischen Salon, wie er als Chef in das Direktionsbureau der Bank trat.

Alles spielte sich nahe den Teppichen ab. Niedrige Tischchen. Die Mädchen saßen und lagen auf Ottomanen und auf Polstern am Boden.

„Na, ihr Racker! Brust heraus!“ rief der Artillerieoffizier in dem Tone seines Batteriechefs und schnallte gewichtig den Säbel ab, mit den Gebärden eines Mannes, der nur mit Pferden und Rekruten zu tun haben will.

„Sagen Sie mal, wie gehts denn! Sind ja ne richtiggehende Schönheit.“ Adolf hatte sich, seitdem er Alleininhaber des Knopfexporthauses war, angewöhnt, schnoddrig wie ein Berliner zu sprechen und sich ganz so zu benehmen wie seine Vorbilder: die Berliner Großexporteure, mit denen er in Geschäftsverbindung stand.

Das auf der Ottomane liegende Mädchen streckte ihm die Patschhand hin. Auch sie – schwarzhaarig und bernsteingelb – sah orientalisch aus, kokettierte lässig mit ihrer weichen Hüfte, die sich aus dem orangefeurigen, geschlitzten Schlafrock langsam herauswölbte.