Gleich vielen Menschen, kann auch Jürgen es nicht ertragen, daß auf der Straße jemand hinter ihm geht. Auch am hellen Tage muß er stehenbleiben, interessiert eine Fassade betrachten oder schnell in einen Laden eintreten.
Außerhalb der Stadt, wo keine Leute sind, spazierenzugehen, wagte Jürgen schon lange nicht mehr. Jemand geht hinter ihm her. Jürgen dreht sich um und wieder um und ganz um sich selbst. Immer steht in seinem Rücken der Andere. Und da Jürgen nicht in einen Laden flüchten kann, wirft er sich zu Boden.
Einmal hatte er sich durch Adolf Sinsheimer retten können vor dem Verfolger. Er steht, Zähne gefletscht, in menschenleerer Landschaft unter den unausführbaren Befehlen des Unsichtbaren. Da erblickt er den Jugendfreund, der, in der Hand ein Notizbuch voll Rechnungen, an einem Baume lehnt und gedankenversunken die ferne Hügelkette betrachtet, als dichte oder zeichne er. Damals war das Unternehmen des Knopffabrikanten dem Konkurse nahe gewesen.
Jürgen macht einige Fluchtsprünge auf den Jugendfreund zu und bittet flehend den Erschreckenden: „Verkaufe mir deinen Bleistift.“
„Weshalb verkaufen? ... Hier, nimm ihn!“ Und er will ihm den goldenen Patentbleistift in die Hand drücken.
„Unmöglich! Das ist ganz unmöglich!“ Jürgen zwingt den Schulfreund, die Banknote zu nehmen, und steckt, befreit aufatmend, den Bleistift ein.
Die Straßenbahn hielt. Der Wagenführer drehte die Kurbel heraus. „Endstation“, sagte der Schaffner zweimal zu Jürgen, der verzerrten Gesichtes über die Schulter zurücksprach und nicht aussteigen konnte.
Junge Beamte eilten durch die Gänge, grüßten den Chef. Er ahmte die Stimme des Hausarztes nach: „Abends nur ein paar weichgekochte Eier essen. Wachsweich! Auch schadet es nicht, wenn Sie täglich dreimal etwas Brom nehmen.“
Das Bromsalzglas stand auf dem Schreibtisch. Sooft Jürgen die Feder in die Tinte stach, sah er das Salzglas, das herauszuwachsen schien aus dem Nacken des verheirateten Beamten, der, reglos wie ein Eingeschlafener auf das Pult gebeugt, vor seinem Chef saß, schon Vater dreier Kinder war, Sorgenfalten im grauen Gesicht hatte und keine Veilchen mehr im Knopfloch trug.
Auf das Bankgebäude wurde ohne Betriebsunterbrechung ein Stockwerk aufgesetzt. Während des Vergrößerungsumbaues mußte Jürgen mit drei Angestellten zusammen in einem Raume arbeiten. Ringsum, fern und nah, auf dem Dache und in allen Stockwerken wurde gehämmert, geschrien, gekratzt, gesägt, gehobelt.