Jürgen blickte auf die Augen des Jünglingsbildes, die aus ungeheurer Ferne groß und ernst zurückblickten. Das Gesicht des Nasenlosen tauchte neben dem Fenster mit Sprungregelmäßigkeit auf und nieder.
‚Träume seien nun einmal nichts als Schäume, sagt der Hausarzt ... Ist aber auch dieser entsetzliche Traum nur flaumleichter Abfall des Lebens und ohne tiefere Bedeutung?‘ Selbst jetzt noch, während der Fahrt durch den sonnigen Tag, stockte Jürgens Herz:
Er steht, befrackt, weiß behandschuht und im Halbkreise umgeben von den zwölf schwarzgekleideten Zeugen, in der Mitte des festlich erleuchteten Gesellschaftssaales vor dem Hinrichtungsblock, tritt zurück, hebt das Beil - und läßt es hineinsausen in den Nacken. Der Kopf geht nicht herunter. Und jetzt erst sieht er, daß er selbst, als Student, am Blocke kniet und von sich selbst hingerichtet werden muß, im Namen des Lebens, wie es ist. Gezwungen von den Blicken der zwölf stummen Zeugen, muß Jürgen noch einige Male in die furchtbare Nackenwunde hineinschlagen, bis der Kopf Jürgens, des Studenten, herunterfällt. Die Streichmusik endet.
Tirolerinnen, die schiefe Münder haben, reichen lebendes Fruchteis. Um nicht essen zu müssen von diesem schauerlichen, lebenden Eise, wühlt Jürgen sich durch die empört nachblickenden Damen und Herren durch, flüchtet die Treppe hinunter und stürzt in fliegender Eile durch die menschenleeren Mondstraßen heimwärts, durch den schimmernden Garten.
Da kniet, an Stelle der Brunnenfigur, der Rumpf in der Mitte des Bassins, Hände im Rücken gefesselt, symmetrisch umstanden von den zwölf auf Stangen steckenden, farbigen, kopfgroßen Glaskugeln, die jetzt die zwölf Hinrichtungszeugen sind, und aus dem Halsstumpfe steigt das Blut als Springbrünnchen empor. Die Symmetrie wird gestört durch Jürgens Jünglingskopf, der anstelle der gelben Glaskugel auf der Stange steckt und die grauenvolle Drohung ausspricht.
„In Vollmondnächten sollten Sie nicht bei unverhängten Fenstern schlafen. Auch abends keine schweren Speisen essen. Die verursachen gleichfalls Albträume“, hatte der Hausarzt gesagt.
Das Schulmädchen stieg aus, schlug auf der Straße den Katechismus wieder auf und lernte weiter. Jürgen saß allein im Wagen. Er überlegte, welche Weisungen er heute dem Prokuristen zu geben habe für die Börse. Plötzlich fletschte er, Mundwinkel in die Wangen zurückgezogen, die zusammengebissenen Zähne, drehte den Kopf seitwärts und bewegte die Lippen, als verhandle er mit einem hinter ihm Stehenden, der Befehle erteile, die Jürgen nicht befolgen könne.
Erst als er hinaus auf die rückwärtige Plattform trat und mit dem Schaffner eine Unterhaltung begann, entspannte sich sein Gesicht wieder.
Angefangen hatten diese Zustände vor einem Jahre. Er geht spazieren und muß plötzlich stehenbleiben, hat Atembeschwerden, ist nicht imstande, an einem Ecksteine oder an einem Baume oder an einem Laternenpfahle, der sich durch nichts von anderen Laternenpfählen unterscheidet, vorüberzugehen. Kopf seitwärts gedreht, Zähne gefletscht, kämpft er gegen das Unsichtbare, das unausführbare Befehle erteilt.
Schnell tritt er in den nächsten Laden, setzt sich, studiert die Gesichter der Kunden, unterhält sich mit der Verkäuferin und bittet sie, ihm sechs besonders hartborstige Zahnbürsten in die Villa zu schicken. In dem unbewohnten Raume der Villa, wo auch die Antiquitäten und Gemälde für das Palais aufbewahrt waren, hatte sich im Laufe des letzten Jahres auf diese Weise ein großes Lager verschiedenster Artikel angesammelt.