Jürgen lächelte zu Boden. „Das war eine interessante Partie“, flüsterte er erfreut und machte seinem Freunde noch eine Serie schwierigster Stöße vor.
Die Billardbälle wurden immer größer, kopfgroß, wurden zu den farbigen Glaskugeln. Erst als er im roten Ball seinen abgeschlagenen Studentenkopf erkannte, der lächelte, so daß nicht ein Billardball, sondern ein gefährliches Lächeln kopfgroß über das grüne Tuch hopste, ließ er das Queue sinken.
In tiefster Bestürzung flehte er um ein Gefühl aus der Vergangenheit. Er empfand nichts, ließ sich, gebrochen und ergeben, in den Sessel sinken. ‚Ich gehe eben morgen wieder ins Bureau und übermorgen und in zwanzig Jahren auch noch.‘ „Unmöglich!“ rief er. „Unmöglich!“
Da stieg die Wut hoch in ihm. Um die innere Leere zu füllen, stieß er starke Worte aus: „Blutig ans Kreuz geschlagen! Proletarier aller Länder ...! Sturm! Untergang!“ Er empfand nichts dabei. Brüllte wahllos: „Kinderbewahranstalt! Apfelknecht! Reifeisen!“
„Was, Apfelknecht? Nun, weshalb nicht auch Apfelknecht! Jetzt erst recht: Apfelknecht! Apfelknecht! Apfelknecht!“
Entstellt vor Wut, raste er durch alle Zimmer durch in den Salon. Zwischen dem schwarzlackierten, nie benutzten Kohlenkasten, auf den die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten gemalt war, und dem gestickten Wandschirmstorch, der das Wickelkissen mit den drei Säuglingsköpfen aus dem Teiche zog, schwang der Perpendikel hin und her.
Vor übergroßer Wut ganz ruhig geworden, schritt er zur Uhr und riß mit einem Ruck den Perpendikel heraus, schleuderte ihn durchs Fenster in das Springbrunnenbassin. Die Amsel zuckte aus dem Garten hinaus. „Das wäre das“, frohlockte er, hob die meterhohe Vase über den Kopf empor und schmetterte sie zu Boden. Die Nippsachen flogen an die Wand. Die Fenster klirrten. Er demolierte die ganze Einrichtung. Rückte den schweren Eichenholzschrank von der Wand, betrachtete die Zerstörung. „Nun, nun“, sagte er ratlos und schob den Schrank wieder zurück.
Schluchzen stieß ihn. Da fühlte er sich innerlich berührt und ließ sich führen, hinauf in das Zimmerchen, das er als Kind und Jüngling bewohnt hatte. In der Hand den silbernen Leuchter, den nach bestandenem Abiturientenexamen die Tante ihm mit den Worten geschenkt hatte: ‚Wenn ich tot bin, bekommst du alles‘, betrat er scheu die Kammer, in der seit vielen Jahren kein Mensch mehr gewesen war.
Über dem versessenen Lederkanapee hingen noch, oval gerahmt und symmetrisch zu einem großen Oval geordnet, die vergilbten Photographien der Familie Kolbenreiher. Und auf dem Bücherbrett standen verstaubt die Reisebeschreibungen in bilderreichen Umschlägen. Die Luft war stockig wie in einer Totenkammer.
Der große, schwer gewordene Mann blickte, tief erschüttert von dem Besuche bei seiner Jugend, atembenommen die verblaßten Wände an und seinen riesenhaften Schatten. Und begann, traumwandlerisch, sich wie ein Jüngling zu benehmen, räumte, durchbebt von innerlichem Weinen, die Bücher heraus, ordnete sie wieder hinein und schlich, den Zeigefinger am gespitzten Munde, mit der ‚Schreckensvollen Reise ins Erdinnere‘ zum Kanapee. Ein irr-schlaues Lächeln im Gesicht, erhob er sich noch einmal, zog mit seinem Taschenmesser einen Riß um die Kerze herum, zwei Zentimeter unter dem Docht, und begann zu lesen.