Aus dem Gymnasium, in dem auch er neun Jahre gesessen hatte, platzten mit Geschrei die Jünglinge. Fragende, junge Augen. Feurige Gesichter. Biegsame, junge Körper, Bücher unterm Arm, dem Leben schräg entgegengestreckt.

„Deshalb muß ich jetzt gleich zum Photographen gehen.“ Weshalb das Erblicken der Gymnasiasten ihn veranlaßte, zum Photographen zu gehen, hätte Jürgen nicht sagen können. Plötzlich sah er eine tiefe Verbeugung und folgte der einladenden Photographenhand.

Während er vor der Linse saß, betrachtete er die lebensgroßen Brustbilder, deren tote Augen auf ihn zurückblickten. „Ob man diese Jugendphotographie wohl auch vergrößern kann?“

Der Photograph prüfte das verblichene Jugendbildnis, das Jürgen darstellte, wie er im Garten am Nußbaum lehnte, unter dem die Tante gehäkelt hatte. „Aber mit Vergnügen! Geht großartig!“

„Nicht nur Brustbild? Ganz in Lebensgröße? Auch mit den Beinen?“

„Das allerdings hat bis jetzt noch niemand gewünscht. Aber es ist zu machen ... O, das kommt vielfach vor, daß die Herrschaften sich vergrößern lassen. Gerade die Jugendphotographien immer will man vergrößert haben. Erst vor einigen Wochen kam Herr Geheimrat Lenz – sehr berühmter Mann, wie Sie wissen – und bestellte eine Vergrößerung nach seinem Jugendbildnis. Zwanzig Jahre! Nicht mehr zu erkennen! Kein Mensch würde glauben, daß Herr Geheimrat Lenz einmal so ausgesehen hat. Und dies ist der Sohn: Herr Oberstaatsanwalt Karl Lenz. Er ist, gemessen am griechischen Schönheitsideal, zu dick geworden ... Zu sehen, wie man früher war, macht Spaß, nicht? ... Nur etwas verblaßt, verwischt, sozusagen vergangen sehen die Vergrößerungen von Jugendbildern aus. Aber sie haben gewissermaßen etwas Traumschönes. Traumschön! Das ist das richtige Wort ... Etwas höher den Kopf ...“

Vor dem Schlafengehen nahm Jürgen Brom, wusch sich kalt ab, schlief fest, träumte schwer, wußte am Morgen nicht mehr, was er geträumt hatte, erschien pünktlich im Bureau. Die Beamten beobachteten ihn unausgesetzt.

Auf dem Rückwege zur Haltestelle blieb Jürgen stehen, berührte mit seinem Spazierstockgriff die Brust des Partners, der nicht da war, und erklärte: „Die Sache verhält sich anders. Hören Sie gut zu“, ging weiter, nach der Seite hin sprechend. Seine Hände gestikulierten. Er blieb stehen. Lachte. „Das war ein Witz.“ „Aber ein recht guter Witz“, sagte der Partner. „Nun, es geht“, gab Jürgen zu, schritt aus. „Sehen Sie, da sprach ich letzthin mit Katharina ...“

„Was sagte ich eben?“ fragte er entsetzt sich selbst und zog den Kopf ein, schwieg.

Und schon nach zehn Schritten begann er ein neues Gespräch. Der Partner konnte ein fremder Mensch sein, den Jürgen kurz vorher in der Bank gesprochen, ein Kind, das ihm nachgesehen hatte, die schon längst verweste Tante. Jürgen, der Student, war anfangs nur sekundenlang der Partner des zweiundvierzigjährigen Jürgen. Denn Jürgen versah den Studenten sofort mit einem Vollbart, setzte ihm eine Brille auf, zog ihm einen Pelzmantel an, so daß er an einen fremden Herrn seine Worte richten konnte. Aber späterhin wehrte sich der Jüngling erfolgreich gegen die Verkleidung, ließ Mantel, Brille und Bart fallen, wurde gedankenschnell zum Studenten und erklärte mit ruhiger Stimme dem Zweiundvierzigjährigen: „Sie sind ein ganz niederträchtiges, verräterisches Nichts.“