Das Vertrauen ließ ihn erzählen, daß er die Tafel ‚Hier wird Armen gegeben‘ an den Gartenzaun angeschlagen habe. „Aber das sprach sich so schnell herum, daß noch in der selben Woche an einem einzigen Vormittag mehr als dreihundert Bettler kamen. Jetzt weiß ich natürlich schon, daß all das gar nichts nützt. Und wenn meine Tante die Tafel nicht heruntergenommen hätte, würde ich selbst es getan haben ... Was aber soll man denn tun?“

Erst nach zwei langen Minuten und als läse sie es von ihren Schuhspitzen ab: „Es gibt nur eines: man muß sich opfern, muß sich selbst ganz und gar aufopfern.“

„Das ist, das ist kolossal, ganz kolossal, was Sie da sagen ... Aber wie? Wie soll man sich aufopfern?“

Schon eine Weile bekam die Tante, die seit Wochen und auch heute ihren täglichen, vom Arzte verschriebenen Spaziergang im Öffentlichen Parke gemacht hatte, keinen Atem mehr. Endlich stürzte sie zu Bewußtsein und auf die Bank zurück, auf der sie saß, und raffte ihren Häkelbeutel zusammen, schoß nach in den Laubgang, packte den sie überragenden Jürgen bei der Hand und führte ihn entschlossen und wortlos weg von Katharina.

In durchwachten, verzweiflungsvollen Nächten kam Jürgen zu dem Schlusse, erst nachdem er für immer aus dem Hause gelaufen sei, könne er Katharina wieder vor die Augen treten.

Als das Nervenfieber lebensgefährlich zu werden drohte, mußte der Hausarzt die Behandlung dem Spezialisten überlassen. Erst nach Wochen war des Kranken Gefühlskathedrale wieder so weit in Ordnung, daß er eines Morgens, beim Erwachen, sich allen Eindrücken weich darbieten konnte.

Die Tante schob die auf dem Nachtkästchen stehenden Medizinflaschen zur Seite, schlug ihr Haushaltungsbuch auf, in das sie des toten Vaters ‚Letztwillige Verfügungen über Jürgen‘ geschrieben hatte, und begann das viele Seiten lange Erziehungsprogramm abzulesen.

Die Worte tropften glühend in den Ausgelieferten hinein.

„... Und deshalb nehme ich mir das heilige Versprechen ab, den letzten Sproß der alteingesessenen Patrizierfamilie Kolbenreiher, deren Geschichte bis in den Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann, nach dem Willen seines unvergessenen Vaters zu erziehen und ihn Beamter werden zu lassen, da er die Fähigkeit zu etwas Größerem nach meines seligen Bruders Meinung nicht hat ... So ists, Jürgen, siehst du. Nun werde mir bald wieder gesund ... Wenn du auch nicht so bist, wie du sein könntest, ich habe dich doch lieb.“ Sie sah ihn freundlich an, streichelte seine nassen Haare und rief erschrocken: „Du hast ja wieder Fieber.“

Wangen und Augen glühten. Die rechte Gesichtshälfte lachte.