Zu der alten, verhärmten Arbeiterfrau, die ihm gegenübersaß, sagte er noch, er suche, was jeder Mensch auf dieser Erde lebenslang suche. Und schlief ein. Seine Gesichtsmuskeln zuckten, als streite er heftig mit jemand.

Die Frau glaubte, Jürgen friere, betrachtete erst eine Weile mitleidig und unschlüssig das zerklüftete Gesicht. Dann wagte sie es doch, ihre Wolldecke vorsichtig über seine Knie zu breiten.

VIII

Wochenlang wußte niemand, wo er war. Phinchen, von neugierigen Nachbarn befragt über das scheue Verhalten Jürgens in der letzten Zeit, verweigerte jede Auskunft. Und Herr Wagner, bestrebt, unliebsame Gerüchte, die das Ansehen der Bank schädigen könnten, nicht aufkommen zu lassen, sprach von einer wichtigen Geschäftsreise so vorsichtig und wortkarg, als würde schon ein einziges schlechtgewähltes Wort Riesenverluste für die Bank bedeuten.

Endlich erzählte ein Kunde, er habe Jürgen in Rom gesehen – nannte Tag und Stunde – und zwei Tage später noch einmal in der Halle des selben Hotels, leider nur sehr flüchtig, da Jürgen, offenbar in besonders dringenden Geschäften, in größter Eile auf das wartende Auto zugeschritten sei.

Herr Wagner machte ein wissendes Gesicht. Und schwieg auch dann noch, leise zwinkernd, als ein Pariser Geschäftsfreund ruhig lächelnd behauptete, das sei nicht gut möglich, denn an dem dazwischenliegenden Tage habe er selbst in Paris im Direktionsbureau sich mit Jürgen unterhalten und persönlich ihm eine große Summe gegen einen Scheck des Hauses Wagner und Kolbenreiher ausbezahlt. „Das war am ...“

„Stimmt!“ unterbrach Herr Wagner. „Beides stimmt. Es gibt Fälle, meine Herren, wo die Geschäftskonstellation unsereinen zwingt, schneller als eine Schwalbe zu sein.“

Der Zeigefinger sank. Was aber, wenn jetzt noch einer kommt und behauptet, er habe ihn um die selbe Zeit in London gesehen? dachte Herr Wagner,

während Jürgen, in der Droschke ungeduldig vorgebeugt, überdacht von einem rot- und weißgestreiften Riesensonnenschirm, vom Bahnhof der südlichen Hafenstadt in das Hotel fuhr, in dem er vor vierzehn Jahren als Neuvermählter mit Elisabeth gewohnt hatte.

Ein Servierkellner verscheuchte mit der Serviette Fliegen von den blumengeschmückten, weißgedeckten Tischchen. Gegenüber schliefen zwei braungebrannte Männer auf den breiten Steinstufen im Schatten des Palastes.