Er wühlte sich durch die Menge, sprang durch ein Durchhaus und stand, zuckend in allen Nerven, in einer menschenleeren, immer sonnelosen, vor Feuchtigkeit grünen Gasse.
„Nieder!“ zischte er, beide Fäuste an die Schläfen gepreßt. „Nieder! Nieder mit dem Ganzen!“
In der feuchten Gasse war es still wie in einem Abgrund. „Aber wie? Durch welche Macht? Durch welches Mittel?“
Plötzlich glaubte er, starrend auf den Streifen irisierenden Schaumes, der aus der feuchten Mauer quoll, das einzige Mittel werde ihm in der nächsten Sekunde einfallen. Beide Arme ausgebreitet, Hände gegen die Mauer gepreßt, stand er wie ein Gekreuzigter, lauschend und wartend. Der menschengefüllte Stadtpark tat sich auf. Sofort war das ganze Bild wieder mit dem sammetschwarzen Tuch verhangen. Erinnerungsqual versank in Schwindelgefühl, aus dem, so unentrinnbar wie damals, als er bei der Straßenkreuzung Abschied genommen hatte von Katharina, der Zwang emporwuchs, genau gezählte zehnmal durch die feuchte Gasse zu gehen. Hin, her, hin.
„Achtmal“, zählte er, blickte hinaus, wo die Sonne schien, ballte die Fäuste, in dem Bemühen, die Gasse vorher verlassen zu können. Da riß es ihn herum. Geduckt marschierte er weiter.
In der Kellerwohnung schlug ein Mann seine Frau. Wildes Geschrei. Das fahle Gesicht des weinenden Söhnchens erschien am eisenvergitterten Fensterquadrat knapp über dem Pflaster.
„Und in zwanzig Jahren schlägt das Söhnchen seine Frau, und deren Söhnchen weint“, flüsterte Jürgen und durchwanderte zum zehnten Male die schimmelgrüne Gasse. „Welche Macht könnte das verhindern?“
„Wissen Sie es? ... Alles hat seine Ursache. Glauben Sie nicht auch, daß alles seine Ursache hat?“ fragte er auf dem sonnigen Kirchplatz einen schnurrbärtigen Rentier, in dessen Mund eine sorgfältig angerauchte, dicke Meerschaumspitze steckte.
„Man muß die Ursachen erkennen, dann findet man auch das Mittel. Glauben Sie nicht auch?“ Und als der Rentier den Kopf schüttelte:
„Sie sind ein Raucher, nicht wahr? Nichts als ein Raucher! Sie kann man mit der Bezeichnung ‚Raucher‘ benennen. Sie sind harmlos. Tun niemandem etwas.“