Ein Mensch, überschlafen, träge, nimmt sich ein dutzendmal vor, endlich aus dem Bett zu steigen, und bleibt immer wieder liegen. Unversehens sind seine Beine außerhalb des Bettes. Wie in diesem Trägen vielerlei zusammen das plötzliche Aufstehen bewirkt hat, ohne daß das treibende Vielerlei ihm ganz bewußt geworden wäre, tauchten auch in Jürgen die Fahrt mit dem Agitator zur Arbeiterversammlung im ‚Paradies‘, die fünftausend Arbeitergesichter, das fahle Gesicht des Schwindsüchtigen, Katharinas Rufe: ‚Die Befreiung!‘ und seine Empfindungen und Gedanken an jenem Abend nur schemenhaft und unkontrolliert auf; dennoch verursachte all dies zusammen, in Verbindung mit des Anglers Worten, in Jürgen, der sich sofort erhob, plötzlich das feste Gefühl, er habe sich nun lange genug ausschließlich mit sich beschäftigt.

Und aus einer ganz andersartigen Unruhe als der, die ihn veranlaßt hatte, den erinnerungsträchtigen Angelplatz aufzusuchen, löste sich sofort der Gedanke, Bewußtsein und Erkenntnis dürften nicht um ihrer selbst willen erstrebt und gepflegt werden.

„Es ist erfüllt. Nun ist es Zeit“, sagte Jürgen, freudigen und schweren Herzens zugleich, als er zielbewußt weiter schritt.

Der wolken- und sonnenlose Himmel sah krank aus. Die Landschaft glich einem schlechten, leblosen Riesengemälde. Der Dackel zögerte, blieb stehen, legte sich in die Straßenmitte. Die Vögel waren verschwunden. Kein Ton. Jürgen betrachtete das meterhohe Getreidefeld. Die völlige Reglosigkeit der Halme und Ähren machte auf ihn den Eindruck der Unnatürlichkeit und Schaurigkeit. Erst als Jürgen schon weit voraus war, erhob sich der Hund.

Vereinzelte Tropfen fielen schwer in die Wind- und Luftlosigkeit. Als wäre der Himmel zu spannungslos und matt, den Sturm zu entfesseln, endete der Regen wieder. In der Nähe schrie ein Tier angstvoll dreimal. Und eine Sekunde später durchzuckte der trockene Blitz das ganze Tal.

Wie auf ein Zeichen mit dem Taktstock bewegten sich alle Ähren gleichzeitig. Das Tal begann zu singen. Blitze aus weiter Ferne zogen schwachen Donner nach. Der Apfelbaum fröstelte. Ein alter Lappen machte einen Sprung quer über die Straße, blieb einen Windstoß lang ausgebreitet in halber Höhe gegen das Getreidefeld gepreßt und fegte, knapp über den Ähren, davon.

Jürgen hatte die Feldhütte noch nicht erreicht, da krachte der erste Donnerschlag, begleitet von schräg herabplatzenden Wassermassen. Der Dackel saß zu Füßen Jürgens und bellte hinaus in den Wolkenbruch.

Als Felder, Wald und Fluß, das ganze Tal, im Wetter verschwunden gewesen, wie aus dem Nichts wieder entstanden, ging Jürgen auf eine weiße, unübersteigbar hohe Mauer zu, schnellen Schrittes, im Antlitz das Lächeln der Befreiung.

Das schwere Bohlentor öffnete sich, eine Droschke fuhr heraus. Jürgen lief ein paar Schritte, sprang durch das Tor, hinein in die Irrenanstalt. Das Tor schlug zu. „Führen Sie mich zum Arzt.“

Der stand noch in der Freihalle, kam schon geeilt.