Um nicht Schaden zu nehmen an der Seele, bemüht sich der von Glück und Sein Durchblitzte und Durchstürmte, das wiederkehrende Bewußtsein bewußt nur stückweise in sich einzulassen, lenkt sich ab, zählt, entlang dem Waldsaum, genau dreihundert Tannenstämme. Zählt und zählt, bebt und schluchzt und zählt, bedrängt von dem anstürmenden, von Stamm zu Stamm nachdrängenden Bewußtsein, das eine Sturmflut schmerzhaft lebendiger Erinnerungen mitführt, die ihm zum großen Rückblick werden, tief zurück in das Gewesene.

Viele Tage und in Maß und Abwehr durchwachte Nächte waren vergangen, ehe Jürgen sich bereitet und stark genug gefühlt hatte, bewußt Erinnerungsorte aufzusuchen. Wieder sitzt er eine ganze Nacht in der Verbrecherkneipe und liest von den verwüsteten Gesichtern das schon Gewußte und das Bewußtsein des Verrates, den er begangen hat, sich von neuem in die Seele und weiß, schweren Herzens, wieder: ‚Wer in diesem Leben nicht tief im Leide und im Kampfe steht, steht tief in Schuld.‘

Die Straßenkreuzung, wo er Abschied genommen hatte von Katharina, glüht und brennt. Lange steht er, zögert er. Und plötzlich überquert er sie doch, in fliegender Eile, Schauer im Rückenmark.

In dem Maße, wie er das Bewußtsein wiedergewinnt, bricht auch das Leben in seiner Milliardenfältigkeit, die zu empfangen und zu begreifen der Mensch ein Menschenalter zur Verfügung hat, wieder in ihn ein, stoßweise und mit solcher Wucht, daß er, bebend wie der Auferstandene, vor Sonne, Blau und Lärm steht, vor dem kleinen Leben der Straße, den schweren Pferden, die arbeitstreu das Backsteinfuhrwerk bauwärts ziehen, vor dem Sperling, der auf dem Pflaster hüpft und in die Ritzen pickt.

Den Dackel an der Leine, schritt Jürgen aus der Stadt hinaus, auf der Quaimauer flußentlang, vorüber an einer Reihe Proletarierfrauen, die, kniend am Ufer, farbige Wäsche wuschen, an durchnäßten Kindern vorbei, die Hafenanlagen bauten aus Sand und Dreck.

Die letzten Häuser blieben zurück. Der Fluß glitt blau und grün entlang der sanften Hügelkette. Am Ende der Quaimauer stand ein Angler. Jürgen schritt wie im Traume auf ihn zu. Er wunderte sich nicht. „Sind Sie Herr Knipp?“

„Das ist mein Name.“ Hinter Herrn Knipp lag auf dem Damm ein besonders langer Reserveangelstock modernster Konstruktion. Auch einen neuen Rucksack aus braunem Segeltuch mit Lederbesatz hatte er sich angeschafft und einen Feldstuhl. Der Angler war erst achtundfünfzig Jahre alt und sah, wie er so dastand, zufrieden mit sich und der Welt, ganz unverändert aus, als ob seither kein Tag vergangen wäre.

Wie damals saß Jürgen auf der Quaimauer, Beine flußwärts gestreckt. Millionen kleiner Mücken standen in der drückenden Schwüle knapp über der Wasserfläche. In der Nähe pochte die Stadt. Die Zeit stand still und glitt zurück.

„Erinnern Sie sich noch des arbeitslosen Schwindsüchtigen, mit dem ich hier gesessen hatte?“

Ruhevoll hob Herr Knipp die Angelschnur heraus und senkte sie in schönem Schwunge wieder in das glucksende Wasser. „Heute beißen sie gut an, weil ein Wetter im Anzuge ist ... Der Bursch lebt schon lange nicht mehr. Der war ein Unzufriedener. Den hat die Unruhe aufgezehrt, die Unzufriedenheit mit dem Gang der Welt. Schließlich hat er noch geklaut, kam ins Gefängnis und ist auch drin gestorben.“