„Was ist der Mensch und was der Sinn, der ihn bewegt? Wer vermöchte zu sagen, weshalb im Opfer der tiefste Sinn des Menschendaseins ruht?“ flüsterte Jürgen, als er wieder auf dem Wege war, und begann zu weinen, laut und schrankenlos, in plötzlicher, wunderbarer Befreiung.
Der Hund dackelte neben dem Schluchzenden her, hügelan, zum Waldrand. Vor Jürgen lag die Tiefebene, unübersehbar weit und breit.
Zahllose junge Menschen, Mädchen, gebunden fragenden Blickes, Gymnasiasten, Studenten aller Nationen, standen dichtgedrängt, wartend auf das Wort. Immer neue Züge, endlos, traten aus den Wäldern heraus, tauchten hinter den fernen und fernsten Hügelketten auf. Millionen füllten die Tiefebene. Auf der Schulter eines jeden Einzelnen kauerte ein unheimlich und böse blickendes Tier. Aller Augen waren auf Jürgen gerichtet.
„Folgt euren Vätern nicht, den alten Verdienern!“
Da bäumten sich die Tiere, bleckten die Zähne, sträubten die Rückenhaare, schlugen ihre Krallen in die Schultern der stöhnenden Jugend, stießen grauenvolle Töne aus, die Schreck und Machtlosigkeit verursachten im Blick und im Gesichte der Jugend.
„Stoßt sie herunter von euren Schultern! Reißt sie heraus aus eurem Gefühle! ... Macht euren guten Müttern Sorge! Erkennt eure Aufgabe, und dann erfüllet sie! Tut ihr das nicht, dann geht ihr zugrunde, so oder so“, begann Jürgen die große Rede an die Jugend, die zu einer Darstellung seines Lebens wurde und immer wieder von neuem in der Warnung gipfelte, nicht so zu tun, wie er getan habe.
Stunden später blickte Jürgen, sitzend am Fensterplatz des kleinen Cafés und vor sich schon das Glas voll dampfenden Glühweines, dunkel fragend hinüber auf das Knopfexporthaus und wußte nicht, wie und wann und weshalb er hierher gekommen war.
Nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt war das immer wieder geschehen, daß Jürgen bei den Wanderungen in und außerhalb der Stadt unversehens sich an Stellen befunden hatte, die durch Erlebnisse in der Vergangenheit für ihn bedeutsam geworden waren.
Da steht ein Mensch plötzlich vor einem schwarzen Tunnelloch, ganz erfüllt von dem Gefühle, vor diesem Tunnelloch schon einmal gestanden zu haben in einem früheren Dasein. Er sitzt auf einem Kilometerstein, sinnend und tief im Leben, und Strauch und Baum, der stille Waldsaum und die schnurgerade Landstraße, die wie ein weißer Pfeil sich in den fernen Horizont verliert, sind rätselhaft vertraut dem unruhvollen Herzen.
Die Wand, die Jürgens Blick in das Gewesene verstellte, rückt lautlos weg, und auf ihn brechen die Erinnerungen ein, so plötzlich und mit so lebendiger Gewalt, daß Jürgen in Abwehr schreit und bebt, gepackt von Angst, erdrückt zu werden von dieser Fülle, von des Bewußtseins blitzesschneller Wiederkehr.