„Erfüllt der Papierfabrikant Hommes seine Pflicht dadurch, daß er seine täglich in der Equipage spazierenfahrende Gattin zu Pferde begleitet? Wer bestimmt, daß es die Pflicht der siebzehnhundert Arbeiter ist, in die Hommessche Fabrik zu gehen? Und wer sagt mir, ob es meine Pflicht ist, Amtsrichter zu werden und Urteile zu fällen über andere ...“

„Dein seliger Vater und ich!“

„... oder in der Fabrik zu arbeiten, oder täglich auszureiten und andere für mich arbeiten zu lassen?“

„Das sind Dummheiten.“ Die Tante faltete ihre Serviette genau zusammen. „Räumen Sie ab!“ Und stieg voran in Jürgens Zimmerchen.

Er mußte sich auf das Kanapee setzen, über dem, in ovalen Rahmen, symmetrisch zu einem großen Oval geordnet, die vergilbten Photographien der Familie Kolbenreiher hingen. In der Mitte ein Jugendbildnis des Vaters. Die Tante rückte das schon genau in der Tischmitte stehende Resedasträußchen, das sie zur Feier des Tages im Garten geschnitten hatte, in die Tischmitte, zupfte ihr Geschenk, das Papageiüberhandtuch, zurecht. „Du wirst also in eine vornehme Verbindung eintreten. Du trägst eine Mütze, eine grüne oder eine schöne blaue, lernst Schießen und Fechten, natürlich nicht zu echt, eben nur, um deinen Mut zu stählen und weil das dazugehört ... Jetzt nimm diesen Leuchter! Den Partner dazu bekommst du, wenn ich einmal unter der Erde liege. Das wird bald sein, und nachher kriegst du alles.“

Dann schilderte sie fließend, als lese sie wieder aus ihrem Haushaltungsbuch vor, wie Jürgens ganzes Leben sich gestalten werde: – daß er in soundso viel Jahren diesen und diesen, später einen noch höheren und zuletzt den Beamtengrad eines Amtsrichters erreichen werde, mit soundso viel Gehalt, gelangte zu dem Lebensalter, in dem er einen Orden bekommen würde, und ging über zur Pensionierung. „So will es dein Vater. Wenn du deine Pflicht erfüllst, wirst du als ein Mann begraben, von dem deine Kollegen sagen werden: er soll uns ein schönes Vorbild sein und bleiben ... Mehr kann man vom Leben nicht verlangen, Jürgen. Mein Großvater sagte einmal zu mir: Man kann die Achtung, die ein Mensch im Leben genoß, an der Länge seines Leichenzuges messen.“

Jürgen schoß über das Lebensziel, ein pensionierter Amtsrichter zu werden, weit hinaus, stieg in wenigen Sekunden zu einer weltberühmten Leuchte der Wissenschaft empor, nahm eine Brust voll höchster Orden, die er nicht einmal beachtete, entgegen, wurde nebenbei Bürgermeister, ließ sich in den Reichstag wählen und übernahm das Ministerpräsidium. Alle Bürger grüßten ihn tief. Dann sah er sich voller Freude seinen kolossalen Leichenzug an.

„Ja, Jürgen, so ist es: seine Pflicht tun und ein geachteter Mann sein ...“

Unversehens, wie die Uhr aufhört zu ticken, starb in Jürgen die Begeisterung. Das grandiose Zukunftsgebäude krachte lautlos zusammen.

„Das erste gibst du dem Leben und bekommst dafür vom Leben das andere ... Und unsern Garten und mich hast du ja auch noch“, sagte die Tante und ging. Adolf Sinsheimer war eingetreten.