Seit jener rätselhaften Sekunde hing er in einem Gedankennetz und suchte vergebens den Mittelpunkt, von dem aus die Grundursache der Gemeinheit des ganzen Lebens, die ihn bedrückte, verstanden werden könnte.
Die Tante empfing ihn freudig mit den Worten: „Alles liegt hübsch klar und geordnet vor dir ... Du wirst Staatsbeamter. Amtsrichter in einem hübschen, kleinen Städtchen. Das ist dein Lebensweg. Ich bin so glücklich.“
Jürgens Kopf nickte. ‚Du taugst zu nichts anderem.‘ Wut wollte herausbrechen. Und wurde zu einem schiefen, gefährlichen Lächeln, während die Tante sich feierlich erhob, das Tischgebet zu sprechen.
„Ich werde nicht Amtsrichter. Ich will keine Urteile fällen über andere.“
Das Dienstmädchen war halbwegs in der Stube stehengeblieben, die Hände gefaltet.
„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ... Bringen Sie diesmal auch eine Flasche Wein, Phinchen.“
Das besonders feine Damasttischtuch, das selten benutzte schwere Familienbesteck, die Feierlichkeit der Tante und Jürgens Bemerkung machten, daß das Mahl steif und schweigsam verlief.
„Und wenn du nachher Amtsrichter bist“, begann bei der Süßspeise die Tante in gütigem Tonfall, als ob sie Jürgens Weigerung gar nicht vernommen hätte, „wirst du erst so recht einsehen, daß eben gerade die strenge Pflichterfüllung dir die Achtung deiner Mitmenschen einbringt. Du wirst ein geachteter Mann sein. Und das ist die Hauptsache: Ein Mann, der sein sicheres Auskommen hat! – Auch wenn ich einmal nicht mehr da sein werde. Die Pflicht vor allem!“
Phinchen brachte hervor, das gnädige Fräulein sterbe gewiß noch lange nicht. Die Tante deutete mit dem Zeigefinger auf ihre Brosche: „Meine Brust harmoniert nicht.“ Und Jürgen fragte: „Aber was ist Pflicht?“
„Das weiß doch jeder Mensch. Jeder Mensch muß seine Pflicht tun ... Bringen Sie noch etwas Kompott ... Du willst nicht Amtsrichter werden? Ich sage: du mußt es werden. Du willst keine Urteile fällen? Du mußt Urteile fällen. Denn dein Vater hat dich zum Amtsrichter bestimmt. Ich sage nochmals: Die Pflicht vor allem!“