Adolf Sinsheimers Gesicht, das aus einem Rahmen oval heraussprang, denn er trug seit Jahren ein schwarzes Seidenband straff über die wegstehenden Ohren gespannt, damit sie sich mit der Zeit anlegen sollten, war während der Prüfung so aufgedunsen, daß er das Band abnehmen mußte. Sofort wurden beide Ohren lebendig, schnellten nach vorne. „Jetzt, mein Lieber, geht das Leben an. Weißt du, was das bedeutet: das Leben? Ich bin grandios glücklich. Morgen kaufe ich mir einen steifen Hut und trete dem Klub junger Kaufleute bei ... Man ist ganz unter sich im Klub. Keine Weiber!“

Jürgen setzt nach einem hartnäckigen Kampfe mit der Tante durch, daß er nicht Staatsbeamter werden muß, sondern Philosophie studieren darf, schreibt eine Abhandlung, die ungeheueres Aufsehen macht, und wird daraufhin zum Bürgermeister gewählt. „... Das ist Glück!“

„Du kannst dich darauf verlassen, daß das Glück ist.“ Während Adolf Sinsheimer von den Anzügen sprach, die er sich machen lassen werde, wurde Jürgen Besitzer einer Fabrik, in der zwanzigtausend Arbeiter beschäftigt sind, und bestimmt mit einem Federzuge, daß alle zwanzigtausend Arbeiter, alle Beamten und er selbst von jetzt an ganz gleichmäßig am Gewinn beteiligt werden.

Der alte Buchhalter sagt bestürzt: ‚Aber ich bitte Sie, Herr Direktor ...‘

‚Genug! Ich will das so. Das ist nur gerecht.‘ Und Jürgen schickt den alten Buchhalter freundlich, aber entschlossen fort.

„Zuhause werde ich meinem Alten ganz kalt erklären: Du, unter uns gesagt, ohne Lackschuhe und Frack bringst du mich nicht auf den Abiturientenball ... Hör mal, Jürgen – aber Diskretion bitte –, ich sage dir, daß ich mich auf dem Ball nicht mit unseren Tanzstundengänschen abgeben werde. Kann mir nicht passieren!“

‚Und wenn einem von euch in meiner Fabrik – das heißt, in unserer Fabrik – etwas zustößt, dann bekommt er eine Rente sein Lebenlang.‘

„Ich halte mich glatt an die Schönheiten, die tadellos tanzen können. Oder hast du etwas gegen einen Busen einzuwenden? Ich nicht.“

Als Adolf sich verabschiedet hatte – „Ich werde Gelegenheit nehmen, dir heute nachmittag meinen Besuch abzustatten“ –, dachte Jürgen darüber nach, weshalb er vor einigen Tagen zum ersten Male in seinem Leben ernstlich über das Dasein und die Not der andern nachgedacht hatte. ‚Weshalb nicht schon Jahre vorher? Weshalb gerade an dem Abend, als ich nach dem Essen im Garten stand und im Nachbarhause die zornige Männerstimme und gleichzeitig vereinzelte Töne einer Ziehharmonika hörte?‘

Bisher habe er doch immer nur, und auch dann nur veranlaßt durch ein qualvolles persönliches Erlebnis, über sich selbst und seine eigene Not nachgedacht; und in jener Minute, ohne jeden äußeren Anlaß und unerforschlicherweise plötzlich darüber, warum Phinchen, dieses gutmütige und nicht dumme Dienstmädchen, ihr Lebenlang in der Küche stehen, Stiegen, Schuhe und Fenster putzen, Schlafzimmer aufräumen müsse, häßlich gekleidet und ungebildet sei, zum Beispiel nie lese, gute Bücher gar nicht verstehe, während die Tante und er die sorgfältig zubereiteten Speisen verzehren, die von Phinchen sorgfältig geplättete Wäsche tragen und Shakespeare oder Goethe lesen könnten, wenn sie wollten; warum die siebzehnhundert Arbeiter von ihrem vierzehnten Jahre an bis zum Tode täglich von früh bis abends in der Papierfabrik des Herrn Hommes arbeiten müßten, während ungezählte tausende junger Männer und Mädchen, die wenig oder nichts arbeiteten, hübsch gekleidet und gepflegt täglich spazierengehen konnten; warum die Arbeiter so schwere, täglich und stündlich zu erfüllende Pflichten hatten – und die Wohlhabenden zum Teil recht angenehme oder gar keine; warum es überhaupt Reiche und Arme gab, und warum der arm und der reich war; warum die Armen tun mußten, was die Reichen wollten; ob all das ein Naturgesetz oder menschliche Willkür war.