„Jürgen, du bist geradezu beleidigend. Nimm diese Summe ... Ich könnte sonst unter keinen Umständen den Verkehr länger mit dir aufrecht erhalten.“ Adolfs Hände und Schultern bekräftigten: „Wir sind doch heute nachgerade keine Gymnasiasten mehr, gewissermaßen.“ Er öffnete die Tür. „Bitte, nach dir!“

Am Stammtisch qualmten Skatspieler, die alle Glatzen hatten; eine spanische Wand sonderte ein Kaffeekränzchen – neun, mit farbigen Kapotthüten geschmückte, papageienhafte Damen – ab von den stillen Zeitungslesern. Der Ober bediente geschäftsfreudig und schwungvoll, stand manchmal reglos auf seinem erhöhten Beobachtungsposten neben dem Büfett, wachsam das Lokal im Blick. Ein Fenstertisch, mit der Aussicht auf das Knopfexporthaus, war frei.

Der Pikkolo stand, ein Bein elegant übergeschlagen, reglos in genau der selben Haltung wie der Ober, und wand sich auf dessen Augenwink hin schwungvoll und geschäftsfreudig um die Tischecken herum zu den Freunden; er war erst seit zehn Tagen Pikkolo.

„Was befehlen die Herren?“ Die schwiegen. Und der Pikkolo rasselte heraus: „Bier, Wein, Kaffee, Tee, Schokolade ... Eis, Punsch, Glühwein, Limonade.“ Achtungsvoll betrachtete er die Schweißtropfen, die auf den Stirnen der Freunde hervortraten. Und fühlte seine Überlegenheit im selben Maße wachsen, wie die Ratlosigkeit der beiden zunahm, wiederholte singend sein Gedicht.

Adolf bestellte zwei Glas Glühwein und zwei Glas Grenadine und sagte, nachdem der Pikkolo an das Büfett gestürzt war: „Ich habe Glühwein und Grenadine für uns bewerkstelligt. Du gestattest doch!“

Der Pikkolo ließ unterwegs das Tablett, wie von einer Meereswelle mitgeführt, aus der Tiefe weich in die Höhe steigen, wieder abwärts schwimmen und knirschend auf die Marmorplatte auflaufen, ohne einen Tropfen zu verschütten.

„Die Grenadine schmeckt wie der Buchdeckel der Biblischen Geschichte, weißt du, wenn man daran geleckt hat“, sagte Jürgen und verzog das Gesicht.

Als die Freunde sich am dampfenden Glühwein die Zungen verbrannt und im Bad des heißen Sonnenscheins die Zigarillos angezündet hatten, erlangte Adolf die Fassung wieder, lehnte sich zurück, sah zum Knopfgebäude hinüber. „Du hattest Gelegenheit, die Parterresäle in Augenschein zu nehmen. Der selbe Betrieb wickelt sich in allen vier Stockwerken ab. Und unterm Dach sowie im Keller befinden sich ebenfalls gigantische Knopflager ... Das muß man sich nur vorstellen: Das ganze Riesengebäude vollgestopft mit lauter Knöpfen. Alle Sorten, notabene!“

Von der Sonnenhitze mit Glühwein und Zigarillos war Jürgen übel geworden: Das Knopflager wurde lebendig, verwandelte sich in ein ungeheures Meer schwarzer Schwabenkäfer, die an allen Wänden auf- und übereinander krabbelten. In nebelhafter Ferne hörte er die begeisterte Stimme Adolfs.

„Alle, absolut alle Arten Knöpfe! Ich werde mir eine Knopfsammlung anlegen. Sie wird die größte der Welt sein. Lückenlos! Denn, überlege – welcher Knopfsammler hätte, wie ich, diese Gelegenheit ... Und meine zukünftigen Kollegen da drüben, bei denen das gewissermaßen der Fall wäre, denken vermutlich wieder nicht daran, sich eine Knopfsammlung anzulegen.“