Der Ober schwebte einen halben Meter über dem Fußboden durch das Lokal. Jürgen wagte Adolfs wegen nicht, die Zigarillos wegzuwerfen. Den Stumpen im Mundwinkel, das Gesicht von kaltem Schweiße beschlagen, sah er mit dem verzerrten Ausdruck lächelnden Wohlbehagens seinen Freund an.
Der entwickelte den Plan seines Vaters, eines großen Knopffabrikanten, welcher sich mit der Idee trug, seiner Fabrik ein eigenes Knopfexporthaus anzugliedern, nachdem Adolf bei der Konkurrenz den Betrieb gründlich kennengelernt habe. „Da hast du meine Zukunft. Mein Weg läuft pfeilgrad empor ... in logischer Folgerichtigkeit, gewissermaßen ... Industrie und Handel, mein Lieber! Alles andere ist Romantik.“
Sie sahen zum Fenster hinaus; die Pferde vor dem Exporthaus zogen an; die hochgetürmten sauberen Knopfkisten rollten fort, dem nahen Güterbahnhof zu.
Der Knopflastwagen, das ganze Café, Skatspieler, Messinglüster, Sammetbänke kreisten wie eine Berg- und Talbahn um Jürgen herum. Er wollte beiläufig seine schon in wenigen Jahren zu erwartende Wahl zum Bürgermeister erwähnen und sagte krampfhaft gleichgültig: „Es wäre jetzt vielleicht gar nicht unangenehm, ein wenig hinaus in die schöne, frische Luft zu gehen.“
Vor dem Café sah Jürgen, wie eine gepflegte Dame auf einen Krüppel zuging, dem der rechte Arm und das linke Bein fehlten. Die Frau des Krüppels nahm die Banknote sofort an sich und stellte der sekündlich aufblitzenden Wut ihres Mannes einen notgestählten Blick entgegen. Der skrofulöse Säugling auf ihrem Arme unterbrach den stummen Kampf durch Geschrei. Dann zog die Familie weiter. Langsam, böse, farblos.
Nachdem der offene Wagen der Trambahn die verkehrsreichen Straßen durchfahren, die letzten Häuser und den mächtigen Gaskessel hinter sich gelassen hatte und in nun ungehinderter Fahrt durch sanfthügeliges Wiesenland der Endstation entgegensauste, von kühler Luft durchzogen, röteten sich Jürgens Wangen wieder.
Ein Herr, alt, grau, steif, wie aus grauem Pappendeckel zusammengeklebt, wackelte steif hin und her.
„Auch wenn andere Plätze frei sind, fahren alte Leute nicht mit den Augen zur Fahrtrichtung ... Die Jungen immer!“
„Das ist eleganter Blödsinn.“ Adolf saß lässig zurückgelehnt, Bein übergeschlagen.
„Die Alten wollen gar nichts Neues mehr sehen. Die blicken immer in die Vergangenheit.“