Sein Kopf blieb klar; das unbekannte Gefühl fuhr ihm nur in die Beine. Phinchen konnte vor Aufregung die entblößte, aufsteigende Brust nicht bedecken.
Da kreischte die Haustür. Jürgen taumelte aus der Küche hinaus.
„Du mußt von jetzt an immer hübsch vollkommen bekleidet sein. Der junge Herr ist kein Kind mehr.“ Die Tante demonstrierte an ihrer Brosche. „Dies da und auch deine Schultern, überhaupt das alles darf man nicht sehen. So dick und nur einen Unterrock! Das ist nicht schicklich.“ Der Unterrock könne gewiß einmal aufgehen. Dann stehe sie im Hemd vor dem jungen Herrn.
Sie nahm aus dem Küchenschrank eine neue Kerze, zog mit dem Messer sorgfältig einen Riß herum – drei Zentimeter unter dem Docht – und stieg in Jürgens Zimmerchen hinauf.
Wortlos steckte sie die Kerze in den silbernen Leuchter und zündete an. Dann deutete sie auf den Riß. „Wenn sie bis hierher abgebrannt ist, mußt du aufhören zu lesen ... Das Bücherlesen im Bett und überhaupt das Ideale, das, was du Ideale nennst, muß auf ein schickliches Maß zurückgeführt werden.“
Jürgen beobachtete, wie das Flämmchen erstarkte, endlich senkrecht stand und wieder flackerte, als die Tante weitersprach. „Und morgen zeichne ich nur zweieinhalb Zentimeter zum Lesen an. Übermorgen wieder etwas weniger. Und allmählich liest du überhaupt nicht mehr im Bett, siehst du ... Auch deine Mutter las immer im Bett. Dein Vater hat es ihr abgewöhnt. Wer nicht selbst streng ist gegen sich, gegen den muß es ein anderer sein ... Deine Mutter hat dich machen lassen, was du wolltest. Verzogen, verwöhnt hat sie dich. Das soll eine Mutter nicht tun.“
„Das kannst du ja gar nicht wissen; du warst ja nie Mutter.“ Staunend beobachtete er, wie ihr ganzes Gesicht – auch die Stirn – sich dunkel rötete. Der Mund stand offen. In unbegreiflicher Fassungslosigkeit verließ sie das Zimmer.
Jürgen nahm das Bild seiner Mutter von der Wand, betrachtete lange den angsterfüllten Mädchenblick, den schmerzlichen Mund, der zu lächeln versuchte, und lehnte die Photographie gegen den Leuchter.
Im Bücherregal standen nur Reisebeschreibungen und Abenteuerromane in bilderreichen Umschlägen. Mit der ‚Schreckenvollen Reise in das Erdinnere‘ stieg Jürgen ins Bett, passierte zusammen mit dem kühnen Abenteurer auf dem Floße die zerklüftete Felsenspalte, geriet plötzlich in ein Loch und sauste auf gischtigen Wassermassen beinahe senkrecht in die Erde hinein. Es wurde nachtstill im Hause.
Dicke Finsternis umgibt Jürgen und sein Fahrzeug, das mit den immer gewaltiger brausenden Gewässern in rasendster Geschwindigkeit in die Tiefe stößt – volle zwölf Tage lang –, unter der ständigen fürchterlichen Gefahr, zu zerschellen.