Noch besorgte Seidel den ungefährlichen Buchstaben Y, wurde infolgedessen bei seinen Abschreibearbeiten nie gestört und benutzte, zusammen mit dem jüngsten Kollegen, der gleichzeitig angestellt worden war, ein Doppelpult, über dem nur eine Gasflamme brannte.

Die Herren Neubert und Hohmeier hatten jeder ein Pult für sich – mit je einer Gasflamme. Über Herrn Anks Pult befand sich, entsprechend seinem höheren Dienstgrad, ein zweiflammiger Gasarm mit grünen Lichtblenden. Und vor des Herrn Bureauleiters Pult stand zudem noch ein drehbarer Schreibsessel, auf dem ein dienstliches Lederkissen lag. Auch war sein Löschblattbügel bedeutend breiter.

Dieses festgefügte Dienstschema zu sprengen, die niederen Dienstgrade zu überspringen, war Seidels Bestreben. Das allmähliche Vorrücken bis zum breiteren Löschblattbügel wollte er sich ersparen.

Das war seinen Kollegen nicht entgangen.

Der Tag, an dem die Katastrophe sich ereignete, begann damit, daß Herr Hohmeier begann, sich zu schneuzen, indem er Kanzleibogen und den schmalen Löschblattbügel zur Seite räumte und das Taschentuch erst sorgsam auf die Schreibtischplatte breitete.

Unterdessen trat beim Schalter ein Pelerinenkünstler von einem Fuße auf den andern, rastlos wie ein Mensch, der ein natürliches Bedürfnis besetztseinshalber meistern muß, und beobachtete, wie Herr Hohmeier das Taschentuch erst mit einem großen Hausschlüssel, dann mit dem Löschblattbügel beschwerte. Und als er endlich nach der Adresse seines Freundes fragen konnte, erfuhr er, daß die Polizei selbst schon lange nach diesem Kunstmaler Ferdinand Wiederschein fahnde.

„Wir haben herausbekommen, daß dieser Maler seit vielen Wochen jede Nacht in einem andern Bett schläft. Indem er nämlich jeden Morgen sein Handtäschchen wieder mitnimmt und sich, wenn die Schlafenszeit herannaht, ein neues Unterkommen sucht für die Nacht ... Der meldet sich nicht einmal an bei uns.“

Der Diener entleerte den Neun-Uhr-Kohleneimer in den alten eisernen Füllofen, auf dem Eva, schon rotglühend, Adam den rotglühenden Apfel reichte. Des Künstlers Gelächter knallte durch das Bureau.

„Da gibt es aber nichts zu lachen. Das ist eine ernste Sache. Wenns alle so machten, welch eine Unordnung hätten wir dann hier.“ Herr Hohmeier redete noch vor sich hin, als er schon dabei war, das Taschentuch schneuzfertig über die gespreizten Finger zu hängen, wie ein Zauberkünstler, der fragt: ‚Wohin soll ich das Goldstück verschwinden lassen?‘

Während der Vesperviertelstunde sammelten sich viele Leute in dem dunklen Wartezimmer an. Die Beamten aßen ruhig weiter, ungestört vom Leben, das nur bis zum Schalterfenster herankam.