Sagt die Tante erfreut zum Vater: ‚Da ist er ja gar keine Schande für die Familie.‘

Und der Vater sagt: ‚Entschuldige, daß ich dich ein ‚Schmähliches Etwas‘ genannt habe ... Wie konnte ich dich nur so verächtlich und gleichgültig behandeln. Unbegreiflich!‘ Jürgen lächelte bescheiden.

Die Tür des nebenan liegenden Bibliothekzimmers wurde nach dem Gange zu geöffnet. Und Jürgen hörte, wie der Vater, der krank im Lehnsessel saß, zu Herrn Philippi, einem alten Freunde des Hauses, sagte: „Ich werde ihn in den Staatsdienst stecken. Ein kleiner, verschrullter Amtsrichter oder so etwas Ähnliches! Er taugt zu nichts anderem. Tölpelhaft, unvernünftig und lebensuntüchtig ist er.“

Jürgen drehte, als stünde er vor dem Vater, Kopf und Schultern gedemütigt seitwärts und hob die Brauen, daß die Stirn Falten bekam.

„Niemand kennt die Möglichkeiten, die in einem so jungen Menschen liegen. Niemand kennt das Maß einer unfertigen Seele“, sagte Herr Philippi. Die Brillengläser in seinem vertrockneten Geiergesicht funkelten. ‚Auch die Seele deiner Frau hast du so lange mit dem Lineal gemessen, bis dieses leidensfähige Gemüt einging wie ein krankes Vögelchen‘, dachte er und sagte es nicht.

Auf dem Gange fing die Tante Herrn Philippi ab. „Wie gehts ihm? Wie ist mein Bruder?“

„Unvernünftig, meine Liebe!“ Herr Philippi wollte fortstelzen.

Sie erwischte ihn noch am Ärmel. „Daß dieser bedeutende Mann so einen Sohn haben muß! Wir schämen uns seiner ... Heute sagte der Vater zu ihm: Du kommst in ein Bureau. Das ist das beste für dich ... Und das ist auch meine Meinung.“

Zornig blickte Herr Philippi in die harten Augen des alten Mädchens, betrachtete, als zähle er sie, schweigend die mit der Brennschere sorgfältig gedrehten, an Stirn und Schläfen platt angedrückten, schwarzen zwölf Fragezeichen. „Dann erziehen wohl Sie ihn, falls Ihr Bruder sterben sollte? ... Kann ich mit Jürgen sprechen?“

„Ja, ich erziehe ihn. Er schreibt gerade seinen deutschen Aufsatz: ‚Die Bedeutung der Tinte im Dienste des Kaufmanns‘. Sprechen können Sie ihn jetzt nicht. Der Stundenplan muß streng eingehalten werden.“