Daß dies besonders herrliche Genüsse wären, wert, ihretwegen auch nur den Bruchteil selbst eines blödsinnigen Ideals aufzugeben, kann gewiß niemand behaupten; aber auch nicht, daß es keine begehrenswerteren Genüsse gäbe, dachte Jürgen auf dem Heimwege durch die schlafende Stadt.

Vor dem kleinen Café in der noch belebten Hauptstraße stand wieder der Krüppel und neben ihm, reglos, grau und böse, die Frau, auf dem Arme den skrofulösen Säugling.

‚Daß einer um den Preis, Liebschaften zu haben mit schönen, gepflegten Frauen, oder um der Macht und des Erfolges willen Verrat übt an allem, was ihm in der Jugend teuer war, wäre schon eher zu begreifen.‘

Und plötzlich entsann er sich des Abends, da er, geladen bei einer der vornehmsten Familien des Landes, solchen Frauen begegnet und Zeuge geworden war von Gesprächen zwischen Großbankiers, die über Weltpolitik, Eisenbahnbauten und den wahrscheinlichen Zeitpunkt eines neuen Krieges in leichtem Plaudertone gesprochen, und zwischen berühmten Schriftstellern, die über die Schönheit eines Goethezitates und sogar über den Satzbau des Zitates länger als eine Stunde äußerst beziehungsreich und sehr klug und geistvoll diskutiert hatten. Das ist Macht, das ist Kultur, hatte er damals gedacht.

‚Aber kann denn durch diese Macht und durch diesen Geist das Meer von Tränen, kann denn dadurch das würgende, würgende Menschenleid beseitigt werden? Ich glaube es nicht. Was aber soll man tun?‘ Bedrückten Herzens schloß er die rückwärtige Gartentür auf, an die er das Schild angebracht hatte: ‚Hier wird Armen gegeben‘.

Seine Fragen an das Leben fanden keine Antworten; nur die allzu glatten der Schulkameraden und der Tante. Oft – wenn er sah, wie die früheren Mitschüler jenseits aller Zweifel lebten – hatte der Vereinsamte, wie einmal in der Schule, den Wunsch gehabt, auch so zu werden, wie die andern waren, das Fragen und das Suchen aufzugeben und sich der Tantenauffassung anzuschließen. Diese Stunden nannte Jürgen Schicksalspausen.

Er saß am Fenster, hatte noch Kopfschmerzen von dem Wein, sah die Animierkneipe. Schweinerei! dachte er, betrachtete mit inbrünstigem Hasse der Tante Lebensarbeit: die unverwüstlichen gehäkelten Deckchen, die alle Möbelstücke drückten. Der Perpendikel tickte ruhevoll das Wort ‚rich–tig, rich–tig‘.

‚In diesem Zimmer „Schweinerei“ zu sagen, ist unmöglich. Da hört die Uhr auf zu ticken, die Deckchen gleiten von Sesseln, Tisch, Kommode, und die Heiligenbilder fallen von den Wänden.‘

Eine lange halbe Stunde wurde kein Wort gesprochen. Die Tante häkelte. Die Älteste zeigt die Photographien.

„Schweinerei!“ brüllte Jürgen, erwartete die Zimmerrevolution, sah die böse herausgedrückten Augen der Tante. Die Szene von früher wiederholte sich: