„Ich habe nämlich erfahren, weshalb Ihnen gekündigt wurde. Sie sind Sozialist?“ Und ob er ihn noch ein Stück begleiten dürfe, fragte Jürgen auf der Straße. „Sie glauben also, daß im Sozialismus alles von Grund auf besser werden würde?“

Der Agitator sprang auf die anfahrende Straßenbahn. „Ich glaube, daß jede Zeitepoche in sich ihre durch den Stand der Produktionskräfte bedingte Aufgabe trägt, die zu erfüllen der zeitbedingte Inhalt des Idealismus aller Kampf- und Opferbereiten ist, und daß die Aufgabe unseres Jahrhunderts in der Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln besteht, in der Überführung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum, in der Verwirklichung des Sozialismus auf dem Wege des Klassenkampfes ... Und was die idealistisch gesinnte bürgerliche Jugend unseres Jahrhunderts anlangt, glaube ich, daß sie den wahren, weil zeitbedingten, Inhalt ihres Idealismus eben auch nur in dem Kampfe um die Verwirklichung des Sozialismus, Seite an Seite mit der Arbeiterklasse, finden kann ... Das gilt auch für Sie persönlich. Alle anderen Befreiungs- und Erlösungsideen sind Nebel und Wolken in verschiedener Beleuchtung und werden von der bürgerlichen Front glatt verdaut, ja, von ihr selbst gestartet und als Fangangeln ausgelegt.“

Erst in dieser Sekunde, da er das echte Interesse des Agitators fühlte, erkannte Jürgen, daß es anfangs nicht ganz echt gewesen war. Das erstemal in meinem Leben, dachte er, gibt ein ernstzunehmender Mensch mir einen ernstgemeinten Rat, und ich weiß mit diesem Rate nichts anzufangen. Verstehe ihn gar nicht. Überführung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum? Er hätte ebensogut sagen können: Der Inhalt des Idealismus eines jungen Menschen unserer Zeit kann nur darin bestehen, daß er lernt, ohne Führer den Montblanc zu besteigen oder das Vaterunser von rückwärts zu beten. Jürgen war ernüchtert.

„Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil: Die idealistisch gesinnte bürgerliche Jugend steht und kämpft gegen die Arbeiterklasse, gegen die Verwirklichung des Sozialismus, und damit gegen den nächsten großen Schritt zur Befreiung der Menschheit, gegen des Menschen nächsten Schritt zu sich selbst. Diese Jugend erkennt ihre Aufgabe nicht und gerät deshalb in die tollsten Verirrungen.“

So allmählich, wie die Trambahn den Prachtstraßen, dem Prunkviertel entrückt und in die Elendszeilen der verluderten, nackten Mietskasernen vorgerückt war, hatten die gutgekleideten Fahrgäste für schlechtgekleidete den Wagen geräumt, der nun, überfüllt mit Arbeitern und Fabrikmädchen, seine schmutzige Ladung weiterschleppte durch das Viertel, wo die Not stand in ihrer ganzen Größe. Hier rollten keine Gummiequipagen, keine Autos mehr. Der Parfümduft gepflegter Damen war niedergeschlagen und aufgefressen worden von dem dicken Schweißgestank der Armut. In dem Wagen, wo noch kurz vorher weiße und frische Gesichter mondgleich geschienen hatten, hingen jetzt graue Antlitze im Dunst, hautüberzogene Schädel mit tief in die Höhlen versunkenen Augen, die blickten.

Zwei Menschheiten: eine Menschheit war ausgestiegen; die andere Menschheit war eingestiegen.

Ein winziger, ganz weißer Schoßhund, von einer vergeßlichen Dame im Wagen zurückgelassen, bekam irrblickende Augen und bellte die fremde, die andere Menschheit an.

Jürgen betrachtete zwei Männerhände, und als er das dazugehörige Gesicht suchte, sah er, daß diese rissigen, hornhäutigen, übergroßen Männerfäuste einem jungen Arbeitermädchen angehörten. Neben ihr wackelte der Oberkörper eines bärtigen alten Briefträgers, in dessen zerklüftetes Wachsgesicht das Ersteigen von millionenmal vier Stockwerken eingezeichnet war, steif und haltlos hin und her.

„Nun sind wir direkt und mitten in das soziale Problem hineingefahren. Mit der Elektrischen! ... Nur dies allein (auch das gilt für Sie persönlich), nur den Übertritt zur Arbeiterklasse, nur diesen letzten Schritt verzeiht der Bürger uns Bürgersöhnen nicht. Denn er weiß, daß wir erst dann gefährlich werden können ... Geist, christliche Menschenliebe, Helfenwollen, Ändernwollen, erlaubt der Bürger noch. Da lächelt er noch. Ja, alles das nimmt er sogar für sich selbst in Anspruch. Denn er ist sozusagen für den Fortschritt. Aber nur ja nicht das! Nur ja nicht tatsächlich ändern! Da wird er wild. Da demaskiert er sich. Da läßt er verfolgen, einsperren und, unter Umständen, erschießen und erschlagen.“

Die drei aneinandergekoppelten Wagen, vollgestopft mit Arbeitern, die bis auf die Trittbretter herausquollen, überholten lose zusammenhängende Arbeitertrupps, die sichtbar alle dem selben Ziele zustrebten. Immer wieder hörte Jürgen den Schrei: „Zum Paradies!“ Der Schaffner kassierte.