„Das habe doch ich nicht gesagt.“ Sein Tonfall der Überzeugung riß der Tante die Empörung ins Gesicht. „Du leugnest, was ich mit meinen Ohren gehört habe?“

Jürgen, überzeugt, diese Worte nicht gesprochen zu haben, bekam irrblickende Augen.

„Das werde ich morgen dem Herrn Rektor schriftlich mitteilen. Du übergibst ihm den Brief. Und jetzt ... Pfui!“

Erst nachdem die Tante schon draußen war, fühlte Jürgen ein paar Tropfen auf seinem Gesichte kalt werden und wußte, daß sie ihn angespuckt hatte.

Hitze und Kälte wechselten einigemal schnell in seinem Körper. Er trat ans Fenster, starrte in den Garten. Die farbigen, kopfgroßen Glaskugeln steckten still und öde auf den grünen Stangen. Aus dem Nachbargarten klangen Sonntagnachmittagsgeräusche herüber. Abgerissene Worte. Jemand spielte Ziehharmonika.

Ein wilder Schrei saß Jürgen im Halse. Er hob die linke Schulter, die rechte, rhythmisch die Beine. Die Bewegungen wurden zu einem gedrückten Tanz.

Am Montagmorgen schlich er, eine Stunde früher als gewöhnlich, ohne Brief geduckt aus dem Hause, begann plötzlich zu laufen, rannte, galoppierte weit aus der Stadt hinaus, quer über Schollenäcker, hügelan und -ab, bis vor das schwarze Tunnelloch im Berg und glotzte blöd hinein, kehrte um und kam, verschwitzt und keuchend, noch rechtzeitig im Schulzimmer an, wo der Professor eben mit dem steilgestellten Bleistift auf das Katheder klopfte.

Die Blicke der sechzig Augenpaare trafen beim Bleistift zusammen, der in dieser Stellung immer etwas Außergewöhnliches bedeutete. Der Professor zog die Stille hinaus. Jeder lauerte: ‚Wen trifft es?‘ Jürgen hatte das Gefühl, sein Herz sei so rund und so groß wie ein schwarzer Mond und schlage nicht mehr.

„Leo Seidel! ... Sie wissen, daß Ihr Vater Sie leider aus dem Gymnasium herausnehmen muß. Umstände halber! ... Euer bisheriger Schulkamerad verläßt euch heute. Er muß verdienen ... Leo Seidel, Armut ist keine Schande.“

Der Sohn des Briefträgers blickte beschämt ins Tintenfaß.