Katharinas Gesicht, das außerhalb des Lichtkreises hinter der Schreibmaschine im Schatten hing, sah übermüdet aus. Neben ihr stand ein grauer Emailteller mit kaltgewordenem Kraut und kaltgewordenen Fettbrocken, an der Rückwand ein Gaskocher und ihr schmales Eisenbett.

Fühlbar stand die Wirkung des Vortrages im Zimmer und sichtbar in den Blicken der neun Bezirksführer.

Ein noch junger Holzarbeiter, dessen Gesicht, eingetrocknet und kleiner geworden, schon einer gedörrten Frucht glich, sagte, leicht werde es ihm nicht fallen, an die Genossen in seinem Bezirke alles das klar und faßlich weiterzugeben. „Aber faßlich muß es sein, sonst verstehts niemand.“

Der Vertrauensmann, ein dunkelgesichtiger, stoppelbärtiger Metallarbeiter, an dessen rechter Hand zwei Finger fehlten, streckte diese Hand vor: „Vier Hauptpunkte mußt du festhalten“, sagte er, zählte an den Fingern her und mußte schon wieder beim Daumen beginnen: „Und viertens, daß die Arbeiterschaft gegen einen derartig gewaltigen Machtblock eben nur bei schärfster Disziplin und überhaupt nur durch eine ganz starke Organisation etwas ausrichten kann.“

Unter dem Sims, mit dem Rücken gegen die Fensterwand, saß auf dem Fußboden ein schon bejahrter Kartonnagenarbeiter. Seine Hand rückte ununterbrochen und selbsttätig unsichtbare Gegenstände zehn Zentimeter seitwärts: Die arbeitende Hand machte den Griff, den sie ein Leben lang von früh bis abends in der Papier- und Kartonnagenfabrik des Herrn Hommes gemacht hatte.

„Beruhig du dich nur. Die Genossen in deinem Bezirk werden dich schon verstehen. Was dir deiner Lebtag auf die Haut brennt, das begreifst du leicht“, sagte er und setzte sich auf die arbeitende Hand, die sich Sekunden später wieder befreite und weiter ihre Arbeit tat.

„Wegen der Frauenlandeskonferenz! Weil sie eben in dieser Woche in vier Versammlungen das Referat hatte. Und auch sonst viel Arbeit, Sitzungen, Schreibereien und so ... Jetzt mußt du ein paar Tage ausspannen, Genossin Lenz.“

„Ich brauche nur Schlaf. Fünf Stunden!“

„Ja, ja, Schlaf“, sagte der Kartonnagenarbeiter und setzte sich wieder auf seine tätige Hand.

Katharina wandte das Gesicht Jürgen zu. Und es schien, als habe sie den Blick, mit den sie ihn vor acht Jahren im öffentlichen Parke angesehen hatte, in ihre Augen zurückgeholt. Sie lächelte, und hinter diesem Lächeln stand die Antwort auf seine damalige Frage: ‚Aber wie? Wie soll man sich aufopfern?‘