‚Es ist doch schön – man begreifts nur meistens nicht.‘

Viele Geschäfte waren noch beleuchtet. Aus anderen strömten schon die bleichen Ladnerinnen, sahen in den Himmel und streiften dabei die Handschuhe über. Ein Invalide, der seinen verkrüppelten Fuß, der wie eine verkümmerte Hand aussah, nackt auf dem Gehweg liegen hatte, hob die Mütze zu Jürgen empor. „Du wirst nicht wollen, daß ich leide“, sang ein hemdärmeliger Tenor im vierten Stock tragischen Tones vergnügt zum Fenster hinaus.

An dem Theater rollten Autos vor und ab. Toiletten stiegen aus. Ein zahnloser Menschenmund rief: „...tung mit den neuesten Kursberichten!“ Der aus den Zugangsstraßen immer neu genährte Zug derer, die aus den Werkstätten, aus den Fabriken kamen, marschierte vorüber. Alle schritten im gleichen Tempo, nahmen Jürgen mit.

Über eine eiserne Kanalbrücke, neben der ein Schiffer auf dem Deck im Kochtopf rührte. Vorüber an einem Bureau, in dem zwei beleuchtete, einander belauernde Tuchgrossistengesichter noch einen Abschluß ausfochten. Aus offenen Kneipentüren schlug schlechter Fettgeruch heraus.

Die Straßen wurden enger, dunkler, die Häuser kleiner. Unbebaute Stellen, lange, verfaulende Bretterzäune (eine Ratte verschwand), Ziegen auf dem Heimtrieb, ein Schuppen, Gestank. Das kleine Fenster hing nah der Erde rotleuchtend in der Finsternis. Die Haustür war nur angelehnt.

„... Denn überall haben in Wirklichkeit die Monopolisten die ganze Macht: eine Macht, so unbeschränkt, daß auch die Schule, Kanzel, Presse, öffentliche Meinung, Polizei, Militär, Justiz, der ganze Staat ihr Staat ist und die Regierungen in allen Vaterländern nur die Schatten der Monopolinhaber sind, Schatten, die, wie der Schatten eines beweglichen Gegenstandes, jede Bewegung dieser Allmächtigen mitmachen müssen. Schon stehen die Monopolinhaber aller Vaterländer wieder vor dem Knopf, und die Schatten blicken unverwandt auf die Monopolinhaber, bereit und gezwungen, den Krieg – Krieg um Rohstoffquellen, Eisenbahnkonzessionen, Absatzmärkte, um den Weltprofit – zu erklären in dem Moment, da jene auf den Knopf drücken“, schloß der Agitator, der unter dem dösenden Gaslicht auf einem Küchenhocker saß, seinen Vortrag.

Katharinas Zimmer war sehr niedrig. Der Agitator erhob sich, vorsichtig, um mit dem Kopfe nicht anzustoßen an den Gasarm. „Nicht nur für einzelne Menschen, Genosse Jürgen, auch für das Proletariat gibt es, da die ökonomischen Voraussetzungen zur Ablösung der kapitalistischen Konkurrenz-Profitwirtschaft durch die proletarische Bedarfswirtschaft längst gegeben sind, immer wieder das, was du Schicksalspause nennst – weltpolitische Situationen nämlich, in denen das Proletariat sich entscheiden kann für die soziale Revolution oder für einen imperialistischen Krieg, in dem Millionen fallen. Das Weltproletariat steht immer wieder in dieser Schicksalspause. Wie wird es sich das nächste Mal entscheiden?“

Und während er seine Notizen einsteckte: „Der Genosse Jürgen! ... Unsere Bezirksführer! Und hier: Unser Vertrauensmann.“

Die neun standen an der Wand lang, hockten auf dem Fußboden und dem Fenstersims. Zwei rauchten aus kurzen Pfeifen den Tabak, dessen dunkelblauer Qualm, von dem Spaziergänger unverhofft im Freien eingeatmet, gut riecht und im Zimmer wie Gift beißt.

Jürgens Augen folgten dem Blicke des Agitators, der lächelnd sagte: „Ihr beide kennt einander ja schon sehr lange, hast du mir erzählt.“