Und wandte sich, schritt schnellen Schrittes zurück und in die Arbeiterversammlung, deren Ankündigung er im ‚Klassenkampf‘ gelesen hatte.

IV

Jürgen kassierte den Zins ein bei den Parteien der drei Mietskasernen, zu deren Verwalter die Tante ihn unversehens gemacht hatte, füllte neue Mietsverträge aus, beaufsichtigte das Tapezieren einer Wohnung, ging zwischendurch ins Kolleg. An den Abenden in Arbeiterversammlungen.

Eine neue Partei verlangte, daß die Küche frisch geweißt werde. Nach der Tante Meinung war die Küche noch weiß genug. Jürgen mußte vermitteln. Er sah, wie nie vorher in seinem Leben, von Angesicht zu Angesicht die Not. Wurde gegen seinen Willen Zeuge von Haßausbrüchen zwischen Proletarierehepaaren, sah machtlos zu, wie abgearbeitete, machtlose Väter ihren Zorn an den machtlosen Kindern ausließen; wie Gerichtsvollzieher letzte Stücke pfändeten; mußte Mietzins verlangen von Arbeiterfrauen, in deren Augen unvertreibbar Gram und Sorge hockten, und Mietzins für ein Zimmer – nicht vier Meter im Quadrat –, in dem Mann und Frau, zwei erwachsene Söhne und zwei erwachsene Töchter in drei stinkenden Betten die Nächte, ihr Leben verbrachten.

Der Tapezierer war fertig. Jürgen blickte die Wand an. Die knallroten Rosen der neuen Tapete wurden lebendig, kreisten wie ein Feuerwerksrad. ‚Tragisch – so eine Rosenwohnung! Viele tausend Rosen, und wenn dann die Leute darin leben ... stinkts!‘

Vor dem Hause, herum um das Kanalgitter, drehten sich drei fahle Proletarierkinder im Ringelreigen. In der Mitte kniete eine Vierjährige und machte das zum Spiel gehörige Märchengesicht.

‚Für diese Kinder scheint das Kanalloch der Mittelpunkt zu sein, wie das reich ausgestattete Spielzimmer der Mittelpunkt für die andern Kinder ist. Daß die Faust der Armut auch die Kinder würgt, das hat mich schon als Gymnasiast empört ... Und die Kinder, neben denen die Gouvernante geht? ‚Mademoiselle Katharina, Sie dürfen nicht mit den Armen schlenkern. Mademoiselle Katharina, Sie dürfen sich nicht umsehen. Beim Atmen müssen Sie die Lippen geschlossen halten, Mademoiselle Katharina.‘

Es war die Stunde, da die proletarische Jugend, weil sie eigentlich schon zuhause hätte sein müssen, in der heißesten Spiellust zusammengetan ist. Geschrei durch Straßen. Erhitzte Gesichter. Gespannte Knabenkörper, in Fluchtstellung atemlos den Verfolger erwartend.

‚Die dürfen mit den Armen schlenkern. Umsehen dürfen die sich auch. Und den Mund können sie aufreißen, so weit sie wollen.‘

Abendglocken läuteten, verklangen. Arbeiter marschierten heimwärts. Der warme Sommerhimmel dämmerte der Nacht entgegen. Laternen funkten auf. Der Tag war schön gewesen.