Aber der feine, schmale Frackherr, mit dem Scheitel von der Stirn bis zum Nacken, ein Herrchen, nur so groß wie ein Tintenfaß, ein winziges Frackherrchen, verbeugt sich, lächelt höflich und sicher und sagt: „Ich bin die Achtung. Bin das Ganze. Und ich erkläre Ihnen: Ich sitze in Ihrem Hinterkopfe.“
„Sie stehen ja vor mir.“
„Und sitze gleichzeitig verborgen in Ihnen. Bin Ich und bin die Achtung. Bin das Ganze und bin Sie, weil ich in Ihrem Hinterkopfe sitze.“
Da erwachte er. Es war ein Uhr nachmittags. Die Tante stand vor seinem Bett. Ohne Einleitung und als lese sie wieder den letzten Willen des Vaters aus ihrem Haushaltungsbuch vor: „Auf das Haus, in dem du geboren wurdest, und auch auf die drei Miethäuser habe ich deinem Vater schon vor zwanzig Jahren die Hypotheken geliehen. Die Häuser gehörten schon zu Lebzeiten deines Vaters ganz und gar mir. Er hat dir nichts hinterlassen. Du solltest dich also nicht länger, als unbedingt nötig ist, von mir ernähren lassen. Das ist eine Schande. Steh auf und geh in dein Kolleg.“
Er stützte sich auf, sah die Tante an, schwieg noch zwei Sekunden: „Ich verzichte auf dein Geld. Ich lebe und bin da. Das Weitere wird sich finden. Und jetzt geh, bitte ... Also geh schon!“
Es waren nicht die Worte selbst, nicht Sinn und Inhalt der Worte, es war das an Jürgen bisher nie bemerkte einfache, ruhige Kraftbewußtsein, das hinter den Worten stand und die Macht der Tante über ihren Neffen verdunsten ließ.
Er kleidete sich sofort an. Ging aus der Stadt hinaus, auf der Landstraße hin. Rückblickend auf sein Leben, ziellos weiter durch den heißen, weißen Staub, mit sich tragend das lastende Gefühl, daß dies die Stunde sei, die seines Daseins folgenschwerste Entscheidung in sich berge: die Möglichkeit, daß heute sein Leben in zwei Teile gespalten werde.
Die alte Sehnsucht nach der Landstraße, die er seit Jahren in sich trug, die Sehnsucht nach den Hafenstädten und fernen Erdteilen, der Wunsch, allen Qualen, allen Pflichten zu entlaufen, schritt hinter ihm her, schob ihn immer weiter auf der Landstraße hin.
Der Wiesenabhang links von Jürgen war von der Sonne braun gebrannt. Die Luft zitterte vor Hitze. Kein Bauer auf dem Felde. Kein Vogel pfiff. Die Mittagssonnenstrahlen sengten senkrecht herab auf die menschenleere Landschaft.
„Und die weiße Straße geht in der Sonne vor Einsamkeit sich selbst entlang“, flüsterte Jürgen. Und glaubte, in dieser Sekunde den tiefsten Sinn des Menschendaseins erkannt zu haben und zu fühlen. Tat einen langen Blick noch auf die weiße Landstraße, weit hinaus.