Die zehn schritten durch die Finsternis, vor sich die fensterlosen Rückseiten schmaler, turmhoher, freistehender Mietskasernen: tote Silhouetten. Ein langer Güterzug kroch aus dem Arbeiterviertel heraus, ins flache Land hinein. Wasserglanz in dunkler Ferne und das gedämpfte Rasseln eines Schleppers, der eine Reihe Frachtschiffe stadtwärts zog. Der lange Pfiff der Lokomotive schlug einen Bogen durch die Nacht.

Geschrei brach ihnen entgegen, stieg an: ein Knäuel Wutgebrüll. Über allem die Frauenstimme, die wie die Verzweiflung selber schrie. Und als die zehn den Lichtkegel, der aus dem Parterrefenster auf die Straße fiel, erreicht hatten und ihn durchschritten, war es drinnen völlig still. Drückende Stille. Und dann Wimmern, Weinen, gestoßen ausbrechendes Geheul, fessellos, als weine die Verzweifelte alle Not ihres Lebens und das Leben selbst aus sich heraus.

Darüber entstand ein Gespräch. Ob der Mann die Frau und weshalb er sie wohl geschlagen habe, und warum sie gar so arg flenne. „Die Gründe kennt man“, sagte der Holzarbeiter.

„Ja, das sind im Grunde immer die selben.“

„Wie schön die Nacht ist.“

„Ja, wenn man so marschiert.“

Die neuen Backsteinhäuser des wachsenden Arbeiterviertels, gleichförmig, unverputzt, wie über Nacht hingestellt – lineare Straßen, bei den Feldern endend wie abgehauen –, stießen feuchten Kalkgeruch ab. Kein Fenster war erleuchtet. Die Arbeiter schliefen schon. Vor einer alten Villa, die eingeholt und überholt worden war von der wachsenden Stadt, stand ein Schutzmann mit einem Polizeihund.

Das Weinen war verendet. Die Schritte hallten im Gleichmaß.

„Aber Parteimitglied wurde ich – das sind jetzt sechsundzwanzig Jahre her“, erzählte der Kartonnagenarbeiter. „Seitdem hat sich viel geändert.“

Sechsundzwanzig Jahre, dachte Jürgen. Sechsundzwanzig Jahre.