Hohe, leuchtende Fenster, fünf lange Reihen übereinander, traten aus der Dunkelheit heraus. Die zehn schritten hinein in das Klipp-Klapp-Geräusch der Transmissionen: die Nachtschicht bei der Arbeit.
„Heut ist die Partei eine Macht ... Wenns auch langsam geht ... Mitbestimmungsrecht ... Die straffe Organisation ... Ja, viel Arbeit gewesen“, vernahm Jürgen, der mit dem Holzarbeiter und dem Metallarbeiter einige Schritte voraus war.
Schweigend über die kleine Eisenbrücke. Durch den kühlen Teergeruch. Auf der äußersten Spitze des zugebretteten Frachtschiffes im Kanal stand ein winziger Hund, der blickte. Schon durchbrach dort und hier das Lichtermeer die Baumkronen.
Jürgen konnte nicht durchatmen, als wären seine Lungen luftgefüllt und hermetisch verschlossen. Konnte nur vom Halse weg atmen. ‚Lebenslang außerhalb des Lebens zu stehen, bedeutet es. Und nur ein winziges Teilchen der großen Bewegung zu sein und gewesen zu sein.‘ Der Druck in seiner Brust wich nicht.
Sie gerieten in die Menge hinein, die das Theater verließ und dem Korso zustrebte. Es war erst zehn Uhr. Vor allen Cafés saßen die Gäste im Freien. Auch vor dem Grandhotel ruhten elegante Herren und elegante Damen in Korbsesseln und genossen die herrliche Sommernacht. Auf der funkelnden Weinterrasse, blumenüberhangen, von der Straße leicht abgesondert durch Lorbeerbäume, rollten die Kellner lautlos die Servierwagen an und ab, tranchierten Geflügel, öffneten Weinflaschen. Zu Verbeugungen erstarrte Fragen. Das Streichquartett spielte diskret.
Die vier Bogenlampen über des Juweliers Schaufenster spritzten weißes Licht in die Menge – Studenten, junge Kaufleute, Fremde und Offiziere mit ihren Kokotten und Damen –, die straßauf, straßab bummelte, in so gemächlichem Tempo, daß die zehn wie ein marschierender Fremdkörper wirkten. Vor dem Juwelier blieben sie stehen. Alle zehn. Jürgen mit dem Blick zur Weinterrasse.
Plötzlich bekam er einen Schlag gegen das Herz. Sagte zweimal den Satz: „Das ist es ja nicht. Das ist es ja nicht.“ Sah an sich hinunter, überzeugte sich, daß er sorgfältig gekleidet war, und drehte sich wieder um zum Schaufenster.
„Also, auf morgen!“ rief der Holzarbeiter noch zurück und lächelte bekannt und dennoch fremd.
Die erste Geige sprang mit einem unerwarteten, funkelnden Saltomortale aus der Begleitung heraus, jubelnd empor. Ein übriggebliebener Gedanke irrte noch in Jürgen umher, wurde immer wieder zurückgestoßen, schrie lautlos und gellend das Wort ‚Schicksalspause‘. „Das ist es ja nicht. Das ist ja unwichtig“, murmelte Jürgen und zog die Handschuhe über.
Erst als er schon vor einem weißgedeckten Tischchen auf der Weinterrasse saß, gegenüber zwei schweigsamen, schönen Engländerinnen, bemerkte er Adolf Sinsheimer und noch drei Schulkameraden, die, elegant zurückgelehnt, ihre seidenen Strümpfe sehen ließen und, die ganzen Oberkörper langsam vorbeugend, Jürgen grüßten. Er setzte sich zu ihnen.