Stand sechs Stunden später auf der Straße. Die Vögel pfiffen schon. Die Menschen schliefen noch. „Nun, und jetzt? ... Ich war betrunken.“
Er dachte, von Ekel geschüttelt, an die Szene in dem orientalischen Salon, in dem er mit den Schulkameraden gewesen war. Sah die Amsel an, die auf dem Staketenzaun saß. Seine Knie wurden weich. Er mußte sich auf die Steintreppe setzen. „Das Ganze hat nicht mehr und nicht weniger zu bedeuten, als mein imaginäres Duell mit Karl Lenz.“
Die Amsel sperrte weit den gelben Schnabel auf: „Das stimmt. Und stimmt doch nicht.“
„Denn einmal, meinst du, nicht wahr ...“
„Eben das meine ich!“
Jürgen hatte das Empfinden, in die Tiefe zu stürzen, und fuhr aus dem Schlummer. „Wenn das so weiter geht, werde ich einmal nichts mehr selbst entscheiden können. Das Schicksal wird mir keine Pause mehr gewähren.“
Am Nachmittag – sie hatten eben Kaffee getrunken – blickte Jürgen nachdenklich die im Sessel schlummernde Tante an, lehnte sich auch in den Sessel zurück, Wange auf dem gehäkelten Schutzdeckchen.
Die Heiligenbilder an den Wänden hielten die segnenden Hände erhoben über die beiden. Auch der Vogel im Käfig ließ die Schlafhäutchen über die Augen herab. Die blauen und silbernen und goldenen, kopfgroßen Glaskugeln im Garten funkelten in der Nachmittagssonne. Eine Wolke zog still am Himmel hin. Der Perpendikel sagte: Rich...tig, rich...tig.
Das fadendünne Drahtseil lief von Jürgens bequemem Backenstuhl weg, in viel tausend Meter Höhe vorbei an den in Not und Kampf Stehenden dieser Welt. Jeder hielt sein gepeinigtes Herz in der Hand. Da, wo das Seil endete – in ungeheuer weiter Ferne –, leuchtete Katharinas Stube. Auf Jürgen zu, in blauer, gefährlicher Höhe, bewegten sich die neun Proletarier und erwarteten Jürgen so gläubig, daß er nicht widerstehen konnte, das fadendünne, schwindelhohe Seil ebenfalls zu besteigen.
Ein paar Meter vor ihm balancierte, vom Absturze bedroht, ein Mensch auf dem Seile. Jürgen erkannte in dem gefährlich Schwankenden sich selbst, rief sich an in kaltem Schrecken.