Auch jetzt machte sie diese Doppelgebärde, als habe sie einen Entschluß gefaßt, entzündete den zweiten Glühstrumpf, schloß das Fenster, von dem aus die fernblinkenden roten und blauen Lichter des Rangierbahnhofes und der Eisenbahnwerkstätte zu sehen waren, und zog den Vorhang zu. Mehr Verschönerungsmöglichkeiten gab es nicht.
Im Zimmer, nun abgeschlossen von der Außenwelt, war es ganz still. Nur das Herz klopfte. Schon mittenweges zur Tür, kehrte sie noch einmal um, setzte sich, Hand auf dem Herzen, und staunte.
Hinter der verschlossenen Tür stand Jürgen in schwerer Ruhe.
Sie schob, nachdem sie die Tür geöffnet hatte, beide Hände sofort wieder in die Sweatertaschen, erkannte an Jürgens Blick sofort, daß der Grund seines Besuches ein anderer war, und nahm die Hände wieder heraus.
Er hatte ihr nicht die Hand gereicht. Er saß schwer am Tisch und erzählte, ohne Einleitung, sachlich und ohne Scham, als schildere er das Erlebnis eines andern, was sich gestern mit ihm ereignet hatte. Dabei machte seine Hand, die schwer auflag, kleine verstärkende Bewegungen. Auch als er, bemüht, sich und ihr das gestern Geschehene verständlich zu machen, in großen Zügen sein bisheriges Leben erzählte, schilderte er die Leiden, die Demütigungen und die nicht durchgekämpften Kämpfe des Kindes und Jünglings so, als spräche er von einem beliebigen anderen.
So ergab sich, während sie die Abendsuppe bereitete auf dem Gaskocher, der auf einem niedrigen Kistchen stand, so daß sie öfters in tiefer Kniebeuge sitzen mußte, ein Gespräch über Einzel-Ich und Umwelt.
Einst, vor Jahren, als sie noch nicht Sozialistin gewesen sei, habe sie sich vorgestellt, was geschehen würde, wenn einmal eine ganze Generation nicht als machtlose Kinder, sondern, ungebrochen durch falsche Erziehung, Autorität und Umwelt, gleich als Zwanzigjährige geboren werden und so auf dem Kampfplatz erscheinen würde. Mit der Kraft ihres unverbogenen Wesens würde diese Generation ohne Schwierigkeit das Ganze über den Haufen werfen.
„Leider aber kommt der Mensch als wehrloser Säugling auf die Welt“, schloß sie und lächelte froh, als sei diese Wehrlosigkeit das Erfreulichste, das dem Säugling geschehen könne. Das Herz klopfte nicht mehr.
Sie gab sich Mühe, besonders gut zu kochen, fragte, ob er die Hafersuppe lieber dick oder dünn, süß oder weniger süß esse.
„Das ist mir ganz gleich. Ich habe noch niemals Hafersuppe gegessen.“ Er beobachtete, wie sie herumhantierte, sich tief zu Boden beugte, wieder senkrecht stand. ‚Glatt und fest wie ein junges Baumstämmchen, junges Nußbaumstämmchen‘, fiel ihm ein.