Sie stand, ein rechter Winkel, über den Gaskocher gebeugt. Von jetzt an wirst du vermutlich sehr oft Hafersuppe essen, dachte sie, während sie die zwei dampfenden, zu vollen Suppenteller vorsichtig durch das Zimmer trug zum Tisch, der am Fenster stand.
Jürgen, tief dabei, die Summe seines bisherigen Erlebens, Erleidens, Erkennens zu ziehen, bereitet und gewillt, von nun an klaren Bewußtseins zu handeln, bedurfte in dieser Stunde, da er im Rückblick auf sein Leben schon und erst den Aufbruch zu sich selbst begann, noch des Verweilens bei den Ursachen, bestrebt, ihr Ineinandergreifen fehlerlos zu erkennen.
Er dachte: Der Sozialismus muß sich auf allen Gebieten des Lebens mit absoluter Notwendigkeit und Ausschließlichkeit ergeben aus dem Wahnsinn des Bestehenden. Die Rechnung muß stimmen. Und sagte:
„Es gibt nicht nur eine herrschende Klasse und unterdrückte Klassen; es gibt auch eine jeweils herrschende Generation, die durch alle Klassen durchgeht: Alle Erwachsenen nämlich, die, machtstrotzend, mit Hilfe der bestehenden Seelenmord-Gesellschaftsordnung, in der sie selbst tödlich verstrickt und untergegangen sind, die heranwachsenden Generationen abwürgen, entselbsten ... In diesem Sinne bilden alle Erwachsenen zusammen eine granitene Einheit, einen Wall, gegen den die Heranwachsenden vergebens anrennen, so lange anrennen, bis sie selbst entselbstete, lebende Leichen sind und Teile des Walles bilden gegen die neu heranwachsenden Generationen.“
Sie stand rückwärts und rieb, betrachtete den Löffel, rieb weiter, hauchte ihn an. Der verzinnte Blechlöffel bekam keinen Glanz.
„Denn wenn es auch eine Tatsache ist, daß jeder Mensch als ‚Reines Ich‘ geboren wird, ist es eine ebenso unumstößliche Tatsache, daß das Reine Ich ganz und gar unentwickelt, ganz und gar versunken und verschüttet und ertötet ist im Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts ... Aber wie steht es mit der Entwicklungsmöglichkeit des Ich im Proletarierkinde? Wie verhalten sich Umwelt und proletarische Eltern zu dem Ich im proletarischen Kinde und umgekehrt?“
Darüber habe sie noch nicht nachgedacht. Katharina stand noch einmal auf, kramte lange in einer Schublade und legte dann eine Papierserviette vor Jürgen hin.
„Das ist aber eine sehr wichtige Frage. Auch hier müßte die Rechnung stimmen.“
Wahrscheinlich könne auch diese Frage nur von dem Standpunkte aus, daß es eine herrschende und eine ausgebeutete Klasse gäbe, richtig beantwortet werden, sagte Katharina. „Vielleicht sollte man diese Frage so stellen: Was erhält das bürgerliche Kind von der Umwelt dafür, daß es seinen Protest, sein Wesentlichstes: sein Ich und damit sein Schöpfertum und die Fähigkeit, das Leben auch psychisch zu erleben, aufgibt, sich unterordnet, sich der Umwelt anpaßt, selbst zu einem Teile der Umwelt wird gegen noch Protestierende? Und was tauscht das proletarische Kind gegen die Aufgabe seines schöpferischen Ich ein? Was widerfährt dem Bürgerkinde, wenn es versucht, zu kämpfen, zu protestieren? Und was geschieht in diesem Falle dem proletarischen Kinde? Erhalten beide und geschieht beiden das gleiche?“
Sie hörten, wie jemand absprang, das Fahrrad gegen die Mauer lehnte. Eine Sekunde später trat der junge Arbeiter ein, atmend, verschwitzt und seelenruhig lächelnd. „Die ganze Belegschaft der Hommesschen Papierfabrik ist in den Streik getreten, Genossin Lenz.“ Er wischte sich mit dem Taschentuch rund um den Hals. „Der Genosse Ingenieur läßt dir sagen, du sollst morgen früh um sieben Uhr in der Redaktion sein.“ Und da sie nickte, war er draußen.