Sie rief ihn zurück. Ob die Werkmeister und Vorarbeiter mitstreikten?
„Ah, wo werden denn diese Arschkriecher mitstreiken! Er will ja auch auswärtige Streikbrecher heranziehen. Aber unsere Streikposten stehen schon. Auch am Bahnhof! Die Polizei, selbstverständlich, ist auch schon aufmarschiert!“
„Da möchte ich gleich Streikposten stehen“, sagte Jürgen, „gegen Herrn Hommes.“
„Das besorgen die Betriebsgenossen schon selber.“ Sie setzten sich wieder. Und da Jürgen mit den Augen fragte, fuhr sie fort:
„So gewiß es ist, daß die Natur die Trennung der Menschen in Klassen, das heißt: die Verhunzung des Menschen durch die kapitalistische Gesellschaftsordnung, immer wieder aufhebt durch das Hervorbringen körperlich und geistig vollwertiger Kinder bürgerlicher und proletarischer Eltern, so unzweifelhaft ergibt sich aus dem, was ist, daß die Trennung in Klassen auf bürgerliche und proletarische Kinder total verschieden wirkt.“
Unversehens war die Gefühlsschwere von Jürgen gewichen. Entlastet atmete er aus. „Was dem Bürgerkinde, das sich nicht anpassen will, geschieht, weiß niemand besser als du und ich“, sagte er, im Blicke tiefe Freude über die schwer errungene persönliche Befreiung. „Ein zeitlebens seelisch gefährdeter Mensch, Irrenhaus oder Selbstmord! Oder, bestenfalls, als Dreißigjähriger ein zuckendes Nervenbündel! ... Und für die anderen, für die übergroße Mehrzahl, für diejenigen Bürgerkinder nämlich, die den Kampf gegen die Umwelt sofort aufgeben, ist das Nichtmehrprotestieren, das Sichaufgeben, das Sichanpassen gleichbedeutend mit Bequemlichkeit, kampflosem Siegen, mit der uneingeschränkten Möglichkeit, sich zu bilden, mit glattem Emporkommen in eine bevorzugte Stellung, mit standesgemäßer Heirat, mit Reichtum, Macht, Geachtetwerden, kurz: mit dem vollen Genusse des Lebens ... Die geben ihr Ich hin, tauschen aber dafür alles ein, was das Leben bietet.“ Er schob den nicht ganz geleerten Teller auf die Seite.
Durch die rückwärtige Tür trat Katharinas Wirtin ein, stellte einen Krug voll Wasser neben das schmale Eisenbett. „Schläft der Genosse hier? Die letzte 54 ist nämlich weg ... Dann bringe ich die Decke.“
„Er schläft doch nicht hier“, sagte Katharina. „Nein, nein, er schläft nicht hier.“
Und Jürgen fuhr schnell fort: „Das Sichanpassen des Bürgerkindes wäre demnach gleichbedeutend mit dem vollen Lebensgenusse eines Angehörigen der herrschenden Klasse. Dieser Angepaßte ist dann zwar in keiner Weise mehr er selbst, ist eine Ich-Leiche, aber eine geachtete, mächtige, herrschende, die das Leben, wie es ist, mitbestimmt und dieses Leben genießt. Eine Leiche, die lebt und gut lebt! Von dieser Seite ist also gewiß nichts zu erwarten für die Befreiung.“
„Wenn aber die Umwelt“, sagte Katharina, „sich Kindern gegenüber sieht, denen sie, im Gegensatze zu den bürgerlichen Kindern, für das Sichanpassen nichts zu geben hätte als Not, Qual, Prügel in jeglicher Form, die Verweigerung aller Bildungsmöglichkeiten und des Lebensgenusses, nichts als Hunger, Kälte, Schmutz, Arbeitenmüssen für andere und Demütigungen auf allen Wegen? ... Das Proletarierkind, das geneigt ist, sich der Umwelt anzupassen, wird von der Umwelt selbst, wird durch die herrschende Klasse und deren Staat immer wieder in den Protest gegen die Umwelt zurückgestoßen. Dieser brutale, unaufhörliche Stoß verleiht und erleichtert dem proletarischen Kinde die Möglichkeit, etwas mehr von seinem Ich zu bewahren. Die Proletarier kommen aus dem Proteste nie ganz heraus, können folglich ihr Ich nie ganz verlieren und sind auch mit aus diesem Grunde als Klasse schöpferisch und dazu bestimmt, im Gange der Geschichte über die unschöpferisch gewordene bürgerliche Klasse hochzusteigen ... Aber erst in der klassenlosen Gesellschaft tritt dein Reines Ich auf den Plan, wird es jedem Einzelnen verstattet sein, er selbst zu werden und zu sein.“