Jürgen sah den Vierköpfigen, hob langsam den Kopf, empor aus dem Lauschen und seinen Vorstellungen, blickte, den Gedanken erst formulierend, Katharina an: „Auf der einen Seite also, in der kapitalistischen Gesellschaft, meinst du: ungeheuerlichste Ungleichheit in materieller Hinsicht und eine vielleicht noch ungeheuerlichere blödsinnige Gleichheit aller im Geistigen ...“
„Ja, und das wird Individualismus genannt.“
„... auf der anderen Seite, in der klassenlosen Gesellschaft: materielle Gleichheit für alle und infolgedessen, nicht wahr, infolgedessen im Geistigen absolute individuelle Verschiedenheit jedes Einzelnen von jedem Einzelnen. Jeder ein Reines Ich! Ein schöpferischer Mensch!“
„Und das wird die öde Gleichmacherei der Sozialisten genannt ... Zwischen diesen zwei Extremen liegt allerdings zunächst die Revolution.“
„Wie unsäglich wunderbar das sein wird: Die Seele, die ihr Ich durch den Körper gewinnt und im Gleichgewicht in sich selber ruht.“
Beide schwiegen. In die Stille klang wieder das in sich erstickende Geschrei des Säuglings. Fernher tönten Pufferknall und die monotonen Rufe der Eisenbahnarbeiter, die einen Zug zusammenstellten.
Dieser Befreiungsversuch war ein herrlicher Seitensprung, dachte er stolz, lächelte gerührt, wie über eine teure Jugenderinnerung. Und trat in seinem Gefühle wieder ein in die Reihen der Millionen, die sich auf dem langen, generationenlangen Marsche befanden.
„Dein Zimmer – diese drückende Decke, das kleine Fenster – ist wie ein niederstirniges Gesicht“, sagte er, empfand plötzlich wieder Druck über dem Herzen.
„Ja, wir leben vergraben, geduckt, nur von uns selbst und der Idee beschirmt ... Bist du nun sicher, daß die Rechnung stimmt?“
„Das solltest doch du am ehesten begreifen, daß ich, da hinter mir nicht der materielle Druck stand, der die Massen klassenbewußt macht, zum Teil auch auf dem Wege über den Verstand zum Sozialismus kommen mußte. Das Gefühl war vorher, war ja immer da.“