Er wohnte sei Monaten in dem Loch, das durch eine Tür mit Katharinas Zimmer verbunden war. Das windschiefe Fenster ging auf einen Rattenhof hinaus, in dem Küchenabfälle und allerlei Unrat seit Jahren faulten und stanken und tagsüber zwanzig Proletarierkinder an ihrer Welt bauten.
Katharina und Jürgen führten gemeinsamen Haushalt. Ein Anzug nach dem andern, die Uhr, die Hemden waren, auf dem Wege über das Pfandhaus, zu Holz und Kohle, Kartoffeln, Wurst und Brot geworden.
Seit dem Tage, da die Tante zum erstenmal den Namen Jürgen Kolbenreiher in Verbindung mit einer öffentlichen Arbeiterversammlung, gerichtet gegen den Papierfabrikanten Hommes, im Abendblatt gelesen hatte, eingepfeilt zwischen Schimpfworte, Hohn, Verleumdungen und verbrämt mit Bedauern für die hochachtbare alte Patrizierfamilie, die schon im 15. Jahrhundert der Stadt einen Bürgermeister geschenkt habe, waren die Bittbriefe, des Inhaltes, Jürgen möge vernünftig werden, sich wieder darauf besinnen, was er sich selbst, seinem Stande und seiner Erziehung schuldig sei, ausgeblieben.
Durch den Streik der Papierarbeiter waren eine kleine Lohnerhöhung und für die stillenden Kartonnagenarbeiterinnen die Erlaubnis, ohne Lohnabzug dreimal täglich je fünf Minuten ihre Säuglinge befriedigen zu dürfen, erkämpft worden. Vier Streikposten, die in eine Schlägerei mit Polizisten und auswärtigen Arbeitswilligen geraten waren, saßen, verurteilt wegen schwerer Körperverletzung, in Tateinheit mit Störung der öffentlichen Ordnung, noch im Gefängnis und zwei schwerverletzte Streikposten lagen noch im Krankenhause. Herr Papierfabrikant Hommes hatte eine Summe ‚Für wohltätige Zwecke oder sonstige Kulturbestrebungen‘ gestiftet.
Die Zeit ging hin. Jürgen hatte schon in vielen Versammlungen gesprochen. Leitete seit einem Jahre den Bildungskurs des Bezirkes, in dem er wohnte. In den Nächten schrieb er an einem Schriftchen: ‚An die bürgerliche Jugend‘. Denn auch jetzt noch stockte sein Herz, wenn er der Ereignisse gedachte, die ihn zum Schreiben dieses Aufrufes an die Jugend veranlaßt hatten.
Vor dem Staatsgebäude fünfzigtausend Proletarier, demonstrierend für die Forderung, daß es jedem freistehen solle, seine Kinder am Religionsunterricht in der Schule teilnehmen zu lassen oder nicht; vor den demonstrierenden Arbeitern die Polizeikette, und hinter den Polizisten, aufgerufen von den Professoren, die ganze studentische Jugend, demonstrierend für die Beibehaltung des Religionszwanges.
‚Mußte der Student denn nicht zusammen mit der Arbeiterschaft eintreten für die Freiheit des Gedankens, wenn er nicht sich selbst aufgeben wollte in seinem geistigen Bestande? Und was sind die Ursachen der Schande, daß er es nicht tat?‘
Suchend nach den Ursachen saß er an dem als Schreibtisch dienenden Küchentisch. Das Licht von links. Freute sich des Tages über das Licht von links und in den stillen Nächten an dem Gasarm, den er durch eine Rohrverlängerung mit Hilfe eines seiner Genossen über den Schreibtisch montiert hatte.
Wenn alles schlief und nur das Gaslicht summte, spielten im Hofe die Ratten, läutete fein das Glöckchen, das ein Proletarierjunge einer Ratte um den Hals gehängt hatte.
‚Und im Zimmer nebenan atmet Katharina, die ich liebe. Viel mehr Glück kann man vom Leben nicht erwarten!‘ Er berührte den Bleistift zärtlich mit den Lippen. Weil Katharina ihn vielleicht einmal in die Hand nehmen würde.