In diesen nächtlichen Stunden, da das Glöckchen in die Stille klang und die Sätze ihm gelangen, fühlte Jürgen sich und sein Ich organisch eingereiht in das Geschehen.

Der Staatsanwalt hatte gegen die drei jungen Genossen und Katharina, denen es damals gelungen war, durch die Polizeikette durchzuschlüpfen und, unter Hohn und Prügel seitens der Studenten, Flugblätter zu verteilen, Anklage erhoben, ebenfalls wegen Störung der öffentlichen Ruhe, in Verbindung mit Aufreizung zum Klassenhaß. Die drei hatten je sechs Monate Gefängnis bekommen und saßen schon. Katharina, deren Vernehmung und Schlußrede als Sensation von den Zeitungen abgedruckt worden waren, verbrämt mit Bemerkungen tiefsten Bedauerns für Herrn Geheimrat Lenz, sollte am nächsten Tage in das Gefängnis.

Jürgen schrieb bis in den Morgen hinein. Erst als er das Klappern des Waschgeschirres vernahm, klopfte er. Katharina war noch nicht angekleidet. Und wie beide, stehend, in der Umarmung verharrten, erhob sich in der Ecke Katharinas schmutziggelber, langhaariger Schnauz, schritt langsam herbei und blieb, als gehöre er zu allem, was geschah, dazu, vor ihnen stehen, den Blick zu Boden gerichtet.

Es war erst fünf Uhr. Schon fiel der erste Sonnenstrahl auf das Fenstersims, brach sich, huschte schräg an der Wand entlang und verfing sich in der Ecke.

Um acht Uhr mußte sie im Gefängnis sein. Sie saß, im Hemd, auf ihren Händen auf dem Bettrand. Der Schnauz war im Hofe bei den Ratten.

Später sprachen sie von anderen Dingen. Er solle sorgen, daß für die drei Genossen gesammelt werde. Des einen Mutter habe nichts zu essen, solange der Sohn im Gefängnis sei.

„Nach dem Examen nehme ich sofort eine Stellung an als Verwaltungsbeamter in einem großen Betriebe. Dann werden auch wir eine bessere Wohnung haben und regelmäßige Einkünfte. Und ich werde obendrein noch enger bei den Arbeitern sein als jetzt. Wir werden heiraten, um unnötige Scherereien zu vermeiden ... Überhaupt – ein Glück haben wir, ein Glück! ... Es wird ein Jahr vergehen, es werden fünf Jahre, zwanzig Jahre vergehen, und immer werden wir zusammen sein. Was wir alles erleben werden! Ungeheuer viel! Wir sind Lebensgefährten. Katharina, welch ein Glück! ... Sofort nach dem Examen nehme ich eine Stellung an.“

Katharina, die schon als Siebzehnjährige, anstatt Blumen malen zu lernen und für Buddha zu schwärmen, begonnen hatte, das Mehrwertgesetz und die Kapitalskonzentration zu studieren, sagte, wie er, der als linksgerichteter Sozialist bekannt sei, dessen Name schon oft in den Zeitungen gestanden habe, ernstlich glauben könne, in irgendeinem Großbetriebe angestellt zu werden.

„Nun, dann eben nicht!“ Sie blickten einander an, bis das selbe Lächeln in beider Gesichter entstand und sie wieder gleich auf gleich waren.

„Deine Augen, Katharina, ach, deine Augen!“