Wie unsagbar glücklich das eine Frau machen kann, dachte Katharina.

Auf dem Wege bis vor das Gefängnistor erlebten sie eine Stunde vollkommensten Verbundenseins, wie nur zwei Menschen es verstattet sein kann, deren Liebe vertieft ist durch die gemeinsame Hingabe an die selbe Idee. Sie schritten in ihrem Gefühle.

„Über alle Begriffe schön kann das Leben sein.“ In ausbrechender Freude schlug sie die Arme um ihn. Wandte sich, zog die Glocke. Und wurde von dem schwarzen Tore geschluckt.

„Wo ist die Einsamkeit? ... Ah, meine Herren, es gibt keine Einsamkeit. Nicht einmal eine Trennung!“ frohlockte Jürgen und ging an seine Arbeit.

Ob der Herr in Reichtum oder im Elend lebt, aus einem warmen Teppichzimmer in eines mit feuchten Wänden und verfaulendem Fußboden übersiedeln muß, ob er Erfolge erringt oder vom Leben Nackenschläge bekommt, hohe Ehren einheimst oder in Schimpf und Schande gerät – der Hund hängt seinem Herrn immer gleich an. So unvernünftig ist der Hund, dachte Jürgen. ‚Nur eines erträgt er offenbar nicht: getrennt zu werden von dem, dem seine Sympathie gehört.‘

Katharinas Schnauz, bisher ein ausgelassen heiteres Tier gewesen, hatte am zweiten Tage das unruhvolle Fragen eingestellt; er blickte Jürgen gar nicht mehr an, fraß nicht mehr, leckte manchmal etwas Wasser und kroch wieder in seine Ecke zurück. Jürgen mußte ihn gewaltsam füttern.

Der ‚Aufruf an die bürgerliche Jugend‘ war erschienen. Bei dem letzten Besuche, den Jürgen im Gefängnis machte, versuchte er, den Schnauz, der einzugehen drohte, mitzunehmen.

Der Gefängnisdirektor, der aussah wie ein auf der Schwanzflosse aufrechtstehender, schwarzer Fisch mit dickem Bauch und kleinem, rotem Kopfe, ein vollblütiger, fünfzigjähriger Mann, höflich und zurückhaltend, gab nach minutenlangem, von bedauerndem Achselzucken und erschrecktem Augenaufschlagen begleiteten Erklärungen und Fragen, zwischen die er eine Serie korrekten Lächelns gleichmäßig verteilte – Lächeln nicht eines harten Gefängnisdirektors, sondern eines Menschen mit Herz und Gewissen, der aber leider an Pflicht und Gefängnisordnung gebunden ist –, schließlich die Erlaubnis zur Mitnahme des Hundes. Beugte sich plötzlich herab und tätschelte wehmütigen Mundes das Tier. Und dann kam, als sei er schon zu weit gegangen und Jürgen schon zu lange im Direktionszimmer geblieben, unerwartet schnell die knappe Verbeugung und sofort ein Lächeln wehmütig in die Wangen zurückgezogener Mundwinkel. Und sofort wieder das erschreckte Augenaufschlagen.

Jürgen war, wie er mit dem Schnauz die abgetretene Steintreppe hinaufstieg, der festen Überzeugung, daß der Gefängnisdirektor früher oder später ins Irrenhaus kommen werde.

Im Stocke stank es scharf nach Abort. Die Wärterin – lippenloser, strichdünner Mund im festen Gesicht – schloß eine Tür auf. Sie schritten durch einen großen Saal, in dem zwanzig zweimeterbreite, dreimeterlange und zweimeterhohe, engmaschige Drahtgitterzellen nebeneinander standen. Dazwischen die Gänge, wie in einer Menagerie. In jeder Drahtzelle eine Gefangene. Frauen, junge Mädchen und, gleich bei der Eingangstür, in zwei nebeneinanderstehenden Käfigen je eine Siebzigjährige. Alle in grauen Leinensäcken. Der Raum zwischen den gleichhohen Zellen und der Saaldecke war leer.