Und der Stabsarzt denkt: ‚Man kann nur auf die Sekunde warten, lauern, in der das Leid so ungeheuer geworden ist, daß das Volk nicht mehr nur leidet, sondern auch darüber nachzudenken beginnt, was und wer dieses ungeheuere Leid verursacht hat. Man muß fühlen, wann dieser Augenblick da ist. Dann muß man die Sekunde aufreißen. Den letzten kleinen Stoß geben.‘ Er denkt brennend an die zwischen zwei Ewigkeiten labil spielende Sekunde, der sich die Ereignisse nähern. ‚Vielleicht schon morgen? In einem Monat? In einem Jahre? In einer Woche? . . . In einer Woche?‘

Der Zwanzigjährige bemüht sich, den Gedanken zu formulieren, daß die Bewegung nicht vom Hunger — „wenigstens nicht vom Hunger allein“ — ihren Antrieb bekommen dürfe. „Das ist nicht durchgreifend genug und reicht nicht weit . . . Dreht sich ins Alte zurück.“

„Der Mensch ist gut“, sagt der Kellner. „Das Gute im Menschen und das unermeßlich furchtbare Leid werden die Bewegung verursachen.“

‚Die Leidtragenden‘, denkt der Stabsarzt, denkt an die zweitausendfünfhundert Kilometer amputiertes Menschenglied.

Und der Kellner sieht die Agentenwitwe, die fanatisierten Kriegswitwen. Er sieht die Mutter, die den gekreuzigten Sohn dem gewaltigen Zuge der Mütter voranträgt.

Alle schweigen. Alle glauben an die Sekunde.

Und plötzlich gewähren alle den Anblick von zertrümmerten Kindheiten, von seelisch restlos erschöpften Menschen, denen nichts mehr geblieben ist, als ihre Idee und der Ausblick in die nahe Zukunft.

Da tritt dieser Mensch ein, über den ein Wort auszusagen, dessen Namen zu nennen, keine Tortur der Welt von den im Zimmer Versammelten erzwingen kann.

Und draußen in den Straßen der Millionenstadt, in allen Häusern aller Städte, in allen Dörfern arbeitet das Leid, rundet sich die Zeit, rollt der Sekunde entgegen.

Massenstreike, nicht nur vom Hunger verursacht, entstehen von einem Tage zum andern, brechen aus, brauchen nicht gemacht, nicht organisiert zu werden. Sind da. Plötzlich legen Hunderttausende das Werkzeug hin. Trotz des raffiniert und glänzend organisierten Zwanges, ruhen die Maschinen.