Der Stabsarzt nennt seinen Namen. Wird erkannt. Und läßt sich die Adresse des Verstümmelten geben. Nichts sonst wird gesprochen. ‚Ist auch nicht nötig‘, fühlen beide.

Es liegt in der leidgesättigten Zeit, daß Dinge, die früher erklärt werden mußten, jetzt als Selbstverständlichkeiten ohne Erklärung von manchen Leuten begriffen werden.

Die Absicht, die den Stabsarzt veranlaßt, in Fühlung zu bleiben mit den dreihundertfünfzehn revolutionierten, invaliden Soldaten, die in Berliner Irrenhäusern, Krankenhäusern und zum Teile bei ihren Angehörigen untergebracht sind, führt ihn auch mit dem Kellner zusammen.

Der Kellner sagt unvermittelt: „Uns alle wird man hinrichten . . . vorher.“ Und das kleine Lächeln zeigt seine absolute Bereitschaft zum Sterben für die Idee.

Die Stille steht im Zimmer.

„Sehen Sie“, sagt der Stabsarzt, „das können die Herren heute nicht mehr wagen; sie wissen, daß für jeden Platz, der heute auf diese Weise frei wird, sofort hundert Anwärter da sind, hinter denen Millionen Anhänger stehen. Heute ist das so . . . Auch der mutige Sozialdemokrat sitzt nicht umsonst im Zuchthause; dieses Ereignis bohrt in hunderttausend Köpfen.“

Der Zwanzigjährige sagt: „Zum Beispiel könnte man die ganz hartnäckigen Untertanen auch auffordern: gut, stellt euch einmal glatt auf den Standpunkt der Regierung: ‚Kriege müssen sein. Sieg bringt Macht und Reichtum‘. Und jetzt betrachtet das Resultat: Millionen Tote, Millionen Krüppel, Elend und Leid in jedem Hause, in jeder Familie, ein ausgehungertes Volk, hundert Milliarden Schulden, für die wir, unsere Kinder und Kindeskinder die Zinsen erarbeiten sollen. Und die ganze Welt gegen uns . . . Und jetzt fragt euch: hätten zwölf Männer, die aus dem Vertrauen der Massen emporstoßen, das nicht verhindern können? Nicht verhindern können, daß die ganze Welt gegen uns aufsteht? Besitzen diese Männer aus dem Volke nicht soviel einfache Lebensklugheit, daß sie diesen Krieg und den Zusammenschluß der ganzen Welt gegen uns hätten verhindern können?“

Der verstümmelte junge Kaufmann tritt ein; er kommt von der Unterredung mit dem Besitzer des Geschäftspalastes, erzählt sachlich, was er eben erlebt hat. Und geht wieder.

‚Solche und Milliarden ähnliche Erlebnisse, dazu der Hunger, die phantastischen Steuern und Milliarden andere Erlebnisse‘, denkt der Stabsarzt und denkt an die ‚Metzgerküche‘, ‚ballen sich zusammen . . . Und platzen endlich.‘

Jemand sagt: „Wirklich, eine Sekunde spielt jetzt labil im Raume, schwebt jetzt labil zwischen zwei Ewigkeiten. In dieser Sekunde geschieht der neue Anfang.“