Hunderttausende werden mit ähnlichen Gründen abgefertigt von den Unternehmern. Hunderttausende — Schlosser, Schreiner, Spengler, Maurer, Schmiede, Bergleute, Handlanger, Taglöhner, Erdarbeiter, Bauarbeiter — verlassen als Abgewiesene, stillgeworden und hoffnungslos, die Fabriken, die Werkstätten, die Baubüros. In den Arbeitsnachweisen hängen Tafeln, auf denen steht: ‚Für diese Arbeiten kommen nur kräftige, unbeschädigte Leute in Frage‘. ‚Kräftige, unbeschädigte Leute haben den Vorzug‘. ‚Für diese Stellen kommen . . .‘
In keinem Berliner Grandhotel sind Servierkellner angestellt, die künstliche Hände haben. Der Anblick einer Kunsthand verschlägt Gästen, die zehn Mark für das Diner bezahlen, den Appetit. Sie bezahlen in einem anderen Grandhotel lieber zwölf Mark für das Diner und lassen sich dafür von gepflegten Händen bedienen, die gewachsen sind. Das weiß der gebildete Hotelier. Aber sein Konkurrent weiß das auch. Der Servierkellner begreift das auch sehr schnell und wird Zuhälter oder Bordellwirt.
Kinder und Frauen, die sich während des Krieges in die Berufe eingearbeitet haben, lassen sich nicht verdrängen, werden von den Unternehmern den Krüppeln vorgezogen. Nur wenn große Aufträge schnell ausgeführt werden müssen und Mangel an tüchtigen Arbeitskräften ist, stellt der Unternehmer Krüppel vorübergehend ein. Auf Akkordarbeit. Die Entlohnung entspricht genau der Leistung. Die Leistung bleibt weit zurück hinter der des unbeschädigten Arbeiters. Der Krüppel wird entlassen, sobald Ersatz für ihn zu haben ist.
Für Sentimentalität ist jetzt nicht die Zeit. Jetzt nicht. Gewaltige Steuern. Gewaltige Konkurrenz. Gewaltige Bestellungen. Phantastisch kurzbemessene Lieferungstermine. Atemlose Hetze des Unternehmers nach Verdienst. Sein oder Untergang.
Das Tempo eines Kartonnagenarbeiters, der, wenn er das Allernötigste verdienen will, jetzt nicht mehr in zwölf Minuten vierzehnhundertmal, sondern sechzehnhundertmal in zehn Minuten denselben Handgriff machen muß, kann der Beschädigte, auch wenn ihm nur ein halber Finger fehlt, nicht einhalten.
Das Mitleid mit den invaliden Vaterlandsverteidigern fliegt weg. Das Wort des Kaufmanns ‚Das Leben geht weiter‘ schlägt seinen Bogen über die Enterbten des Lebens.
Und gegen die verkrüppelten Kopfarbeiter — Lehrer, Wissenschaftler, Bank-, Magistrats- und Staatsbeamten — holt das Leben von einer andern Seite her aus: junge, streng erzogene Bürgermädchen vertrauen einander freimütig den Entschluß an, Krüppel zu heiraten, um versorgt zu sein, und sich dann an den Gesunden, die zu selten und nicht zu haben sind, schadlos zu halten. Das werde jeder Mensch begreifen.
Der verstümmelte junge Kaufmann steht noch im kostbar und geschmackvoll eingerichteten Vorraume des Geschäftspalastes. Sieht, wie eine jener vornehmen Damen vorfährt, vom Besitzer devot empfangen wird. Und begreift in einer Sekunde, daß das Leben weitergeht. Sein knabenhafter Glaube an die strömende Dankbarkeit gegenüber den tapferen Opfern des Krieges fliegt weg, als er die Verbeugung und das zerfließende Gesicht des Geschäftsinhabers sieht, hinter dessen Rücken das Unternehmen zittert und wackelt und die gewaltigen Steuern und die rücksichtslos strebende Konkurrenz grinsen.
Die heimatlosen, alternden Landstreicher, die Leierkastenmänner, die Straßensänger, die verkrüppelten Bettler, die an der Hausmauer auf dem Pflaster hocken und den Filz vorstrecken, sind keine aussterbenden Erscheinungen einer alten Zeit mehr, sondern zählen nach Hunderttausenden und sind deshalb von Geldsorgen und gewaltiger Konkurrenz nicht weniger hart bedrängt, als der Besitzer des Geschäftspalastes.
„Ich habe ‚Uu!‘ geschrien. Tag und Nacht ‚Uu!‘ geschrien. Das half mir“, erzählt in der Stadtbahn der verstümmelte Kaufmann einem jungen Burschen.