Der warf die Fäuste vor und bewegte sie, in großem Bogen die Menge überdachend, wagrecht über die Köpfe weg, stieß sie himmelwärts und knallte sie auf seine Brust:

„Mein einziger Sohn ist gefallen. Auf dem Felde der Ehre! Ist tot. Und dieser bleiche Schuft wagt es, das Volk gegen das Vaterland aufzuhetzen. Tausendfachen Tod diesem bestochenen Hundsfott, der den Sieg verhindern will! Umsonst wäre mein Sohn gestorben. Umsonst wären alle Söhne und Väter gestorben. Millionen wären umsonst gefallen. Alles Blut würde umsonst geflossen sein, wäre der Sieg nicht unser.“ Er riß den Browning aus der Hintertasche.

So still war es auf einem Platze nie gewesen.

Der Kellner sagte: „Mein junger Sohn ist gefallen. Umsonst wäre sein und alles Todesblut geflossen, wenn in diesem dampfenden roten Meere auch diesmal das Prinzip des Egoismus, der Gewalt und der Macht nicht verlöschen würde, umsonst, wenn die Liebe auch nach diesem Kriege das Menschenherz nicht berühren könnte. Umsonst die den Himmel verdunkelnde Menschheitsschändung, wenn aus Lüge, Macht, Gewalt, wenn aus Mord . . . Sieg hervorgeht, der den neuen Krieg in sich tragen muß. Nicht Demütigung für ein Volk sei das Ende und der neue Anfang, sondern Demut aller Völker . . . Demut, die tiefen Glanz, Stille, Menschlichkeit und Lebensfreude in sich schließt.“

Der Bärtige war fassungslos. „Schuft! Und das Vaterland? Unser heiliges Vaterland? Unsere heiligsten Güter? Unser Vaterland!“

Dunkle, unbezähmbare Wut war urplötzlich in der robusten Kriegswitwe entstanden. Da stieg, von ihr entladen, ein vielstimmiger Protestschrei, der erst an seinem Ende in helles Gelächter und in den Hohnruf: „Heiligste Güter!“ zersplitterte.

Die Morgenröte einer kommenden Zeit traf das Gesicht des verblüfften Bärtigen; er legte den Browning neben sich auf den Bock.

Der Kellner sagte weich: „Das Vaterland ist eine Gasse, in der wir als Kinder am Abend gespielt haben, ist ein von der Petroleumlampe sanft beleuchtetes Tischrund, ist das Schaufenster des Kolonialwarenhändlers im Nachbarhause; das Vaterland ist im Garten der Nußbaum, auf dessen Früchte wir gewartet haben, ist ein Flußtal, die Biegung eines Flußtales; das Vaterland ist eine altersgraue Holzpforte an der Rückseite des Gartens, ist der Geruch von Äpfeln, die auf dem Ofen brieten, ist Kaffee- und Kuchengeruch im durchwärmten Elternhause, durch Wiesen ein schmaler Pfad, der zur Stadt zurück oder aus der Stadt hinausführt, ist ein Gang auf diesem Pfade, das Verklingen eines Kinderliedes, das Abendläuten an einem bestimmten Tage unserer Kindheit . . . Nicht der Staat — die Organisation der Lüge, Macht, Gewalt und Autorität — ist das Vaterland für den Menschen, sondern die Erinnerung an freundliche Minuten der Kinderzeit, die Erinnerung an die von Hoffnung noch verschönten Blicke ins zukünftige Leben.“

In diesem Momente, da er das Gesicht der Menge ansah, erkannte er entsetzlich klar, daß bei der großen Mehrzahl auch diese Erinnerungen vom ununterbrochenen Lebenskampfe, von den Leiden des Krieges, vom Hasse gegen seine Entfeßler aufgefressen worden waren, und fühlte, daß ein Wort der Liebe jetzt noch nicht vordringen konnte bis zu diesen verarmten, haßverkrampften Witwenherzen. Nur bei wenigen war der suchende Kinderblick wieder erwacht und zum Rückblick auf das vergangene Leben geworden.

Und als der Bärtige der Witwen nicht mehr vorhandene Gefühle für das Vaterland erneuern wollte mit dem Worte „national“, stieg aus des Kellners plötzlicher Hoffnungslosigkeit, die Liebe in die Herzen führen zu können, Zorn auf, der zur Menge hinunter den Satz trug: „International ist alles Große: die Kunst, der Gedanke, der Glaube, die Sinne, das Leben, der Tod.“