Ein qualvolles Lächeln der Selbstverachtung zog seinen linken Mundwinkel herunter, bei der Erinnerung, daß er, damit seine seit drei Jahren im Zeichen von Blut-, Brandstiftungs- und Morddunst stehenden Gefühle nicht ganz unkontrolliert bleiben, ihm die Seele nicht auf Lebenszeit verhärten sollten, immer wieder Briefe geschrieben hatte. Viele Briefe. An die Mutter. Beichten. Anklagen. Selbstanklagen. Schreie. An fingierte Adressaten. Nicht mehr an die Mutter. Um die Mutter zu schonen. Briefe. Briefe. Um sich mitzuteilen. Um nicht zu vergessen. Um sich der Furchtbarkeiten bewußt zu bleiben. Um nicht ein ebenso vollkommen fatalistischer, vollkommen abgestumpfter, gegen alle Entsetzlichkeiten gleichgiltig gewordener, maschinierter Mörder zu werden, wie sein neben ihm hockender armer Kamerad, der sich die Seele aus dem Leibe hinausgemordet hatte. Der auf Befehl geschossen hatte. Geschossen hatte. Weiter schoß, schoß, schoß. Automatisch wie ein automatisches Gewehr.

‚Hinter uns, mörderisch genau eingestellt, kracht die Geschützkette, schleudert Granaten über uns weg in die feindlichen Stellungen. Ununterbrochen. Ununterbrochen Mord! Tag und Nacht. Zahllose Granaten, die den ununterbrochen herüberfliegenden Granaten begegnen. An der ganzen Front entlang. Laut meckerndes Maschinengewehrfeuer. Menschen fallen und sind still. Menschen fallen, stöhnen, brüllen, wimmern, bellen. Fernes Maschinengewehrfeuer. Gegnerisches Maschinengewehrfeuer. Bomben und Minen platzen. Schußwölkchen. Zahllose Schußwölkchen, soweit ich sehen kann . . . Alles flach, grau, farblos, tückisch.‘

Der Sohn sah auf: sah alles, was er gelesen hatte. Und sein vor Entsetzen kranker Blick traf heute zum tausendsten Male den Soldaten, der schwer verwundet und lebendig seit fünf Tagen und fünf langen Nächten im Stacheldrahte hing, grauenhaft langsam die Glieder bewegte. Ganz lautlos. Immer matter. Manchmal schrie er. Immer den gleichen Ton, für den noch keine Sprache das Wort gefunden hat.

„Ein Mensch schreit“, fühlte des Sohnes ganzes Wesen. „Ein Mensch schreit.“

‚Menschen, Millionen Menschen, Menschen schießen aufeinander, ermorden, erschlagen, erwürgen, zerfetzen einander. Seit drei Jahren. Warum?‘

Interesse und gleichzeitig Staunen darüber, daß er sich für einen Gedanken noch interessierte, berührte den Sohn, als er las:

‚Aber nicht gegen das, was hier im Felde geschieht, muß gekämpft werden. Denn diese paradoxe Menschenschlächterei ist nur vordergründlich, ist nur die Oberflächenwirkung des gemeinen Geistes im Lande. Wenn dieser räuberische Geist, der als das lügenhafte Ideal „Nationalismus“ gepredigt und gefeiert wird, überwunden ist, verrosten die Geschütze von selbst.

Wir wollen uns opfern,

wollen lieben,

denkend die Gefühle sieben,