Sie legte die Karte auf den Tisch, neben den Suppenteller des Vaters. „Nächste Post . . . Jetzt kann vor vier Stunden kein Brief kommen.“ Vom Sohne,

der in diesem selben Augenblicke, da seine Mutter das in Angst, Qual und Machtlosigkeit dachte, im Schützengraben auf einer Munitionskiste saß.

Seine lehmgelbe Hand hielt einen Brief, den er selbst vor länger als einem Jahre in einem Schützengraben in Rußland an eine imaginäre Person geschrieben, abgesandt und jetzt, machtlos eingemauert in einen Schützengraben der Westfront, zurückbekommen hatte, mit der Aufschrift: Adressat unbekannt.

Als er beginnen wollte, zu lesen, brüllte das tausendfache Brüllen der Geschütze ihm zu, er brauche nicht den Brief zu lesen, er könne die Wirklichkeit ablesen, die entsetzlich genau der an der Ostfront gleiche.

Er hob den Blick: eine weite, öde, gelbliche, leere Fläche, stellenweise dicht bedeckt mit alten und frischen Leichen, langsam sich bewegenden Verwundeten, die nicht geholt werden konnten und langsam starben.

‚Alles geschieht nahe der Erde. Niedrig, tückisch, gefährlich, flächig, farblos, grau . . . Frischfröhliche Reiterattacken, nach denen wir uns auch vor dem Kriege nicht gesehnt hatten, gibt es nicht mehr‘, las er. Und sah hinaus: der Brief aus gelber Erde lag flach aufgeschlagen vor ihm.

Zwischen dem feindlichen Graben und dem des Sohnes lagen sie: flach, schon halb in die Erde versunken. Tote. Eigentlich nur Uniformfetzen; Gesichter und Hände waren schon der Erde gleich geworden. Eine zweite Erdschicht, die aus Toten bestand. Ganz nahe beim Sohn lag ein Toter und glotzte blau. Auch der konnte, obwohl er kaum zwei Meter entfernt lag, nicht geholt werden. Denn hob sich nur ein Kopf, so hoben sich zehn feindliche Gewehre. Der Tote lag schon sechs Wochen vor dem Graben, glotzte und stank. Das Wimmern des Verwundeten, der neben dem Toten lag, hörte nie auf. Horte seit drei Tagen und seit drei langen Nächten nie auf.

‚Brand- und Leichengestank ist unsere Luft. Seit drei Jahren‘, las der Sohn.

Und betrachtete seinen links neben ihm hockenden Kameraden, der gesund-rote, dicke, feste Backen hatte und, vollkommen gleichgiltig gegenüber all dem Entsetzlichen, das um ihn herum geschah, vor sich hin glotzte. Apathisch. Stumpf. Entseelt.

‚So weit bin ich noch nicht. Ich schreibe noch Briefe. An die Mutter. An die Mutter. Schreibe alles Elend, alle Schmach, alles Grauen aus mir heraus, um atmen zu können. An die Mutter . . . Und dann kann die Mutter nicht atmen.‘