Immerzu sieht das Herz der Mutter, wie die Kugel ihres Sohnes den Franzosen durchschlägt, weitersaust, bis nach Paris: der französischen Mutter ins Herz.

Schritte klingen auf der Gasse. Blitzschnell fährt ihr Oberkörper durchs Fenster: ‚Nicht der Briefträger.‘

Ungedacht, ungewollt, dunkel steigt vom Urgrund des Seins schicksalhaft das Gesetz „Schuld und Sühne“ auf und stellt die Mutter vor die tödliche Gewißheit: der zum Mörder gewordene Sohn wird ermordet werden.

Ihr Oberkörper fährt durchs Fenster. Der Blick blitzt die Gasse hinunter, die Gasse hinauf. Kein Briefträger.

Und wie sie den Blick zurückzieht: — Landschaft mit künstlich aufgeworfenen Hügeln. Schutzwehre, Dämme, Hecken. Ausgetretene, lehmige Pfade.

‚Wir schleppen die mit Munition gefüllten Bastkörbe an die vorderste Linie. Über uns zeichnen Granaten drohende Bogen an den Himmel. Weiße Explosionen. Links und rechts, vor und hinter uns. Erdwolken. Leichen. Menschenteile. Unermeßlich furchtbar‘, hatte der Sohn geschrieben.

Die Mutter sieht, wie weiter rückwärts, noch in Sicherheit vor den einschlagenden Granaten, der Sohn und der Kamerad den Munitionskorb hochheben, ihn vorschleppen in die rote Feuerwolke.

Und kann den Sohn nicht zurückhalten, ihn nicht zurückreißen, ist machtlos.

‚Hat es geläutet?‘ Sie zerrt die Tür auf. Stiert in den leeren Hausflur.

Und als die Wohnungsglocke später wirklich läutete und das Aufreißen der Tür den Briefträger zeigte, griff die Hand der Mutter nach einer Postkarte, auf der stand: ‚Den verehrlichen Mitgliedern zur Kenntnis, daß der Gesangverein ‚Frohsinn‘ bis auf weiteres die Singproben ausfallen lassen muß, da immer mehr Sänger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt sind und es keinen Zweck mehr hat. Der Schriftführer‘.