Die Mutter, die unter der Haustür stand und auf den Briefträger wartete, baute sich das Glück auf, daß der Sohn leicht verwundet und auf diese Weise dem Unausdenkbaren entronnen sei. Er befindet sich schon auf der Heimreise. Er kommt sogar mit einem früheren Zuge an, als die Mutter erwartet hat. ‚Gut, daß ich früher da war‘, fühlt sie. Und steht in der Bahnhofshalle, an das Gitter gelehnt, blickt hinaus, die Schienen entlang, auf denen der Zug eben einläuft. ‚Entronnen‘, fühlt sie, ‚entronnen‘, sieht, wie der Sohn aus dem Zuge herausspringt und schon von ferne den verwundeten Arm grüßend hebt. ‚Eine kleine, ganz ungefährliche Verwundung, sonst könnte er den Arm ja nicht heben. Glücklich dem Tode entronnen‘, fühlt immerzu die Mutter, fühlt gleichzeitig immerzu das schwarze Gespenst, daß ja alles nur ein Wunsch von ihr war. Und springt, lautlos jubelnd, in das Glück hinein: dem Sohne an die Brust.

Der Postbote bog langsam um die Ecke, den sortierenden Blick auf die Briefe in seiner Hand gerichtet. Und die Mutter stürzte in die Wirklichkeit zurück: dem lächelnden Postboten entgegen, der ihr den seit vierzehn Tagen und vierzehn Nächten erwarteten Brief gab; einen der Beruhigungsbriefe des Sohnes, in denen er, gepeinigt von Selbstanklagen und in Angst um die Mutter, seine mit Schrecknissen angefüllten Beichtbriefe wirkungslos zu machen versuchte.

‚Eigentlich, genau besehen, weißt Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war körperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, körperlich nie so gesund wie jetzt‘, schrieb der tote Sohn. ‚Und wenn ich zurückkomme, dann gehen Du und ich zusammen einige Wochen aufs Land. Einmal sind wir vornehm und gehen auch aufs Land. So viel Geld habe ich gespart. Wir wohnen an einem Flusse. Direkt, am Flusse. Du in einem sonnigen Zimmer, ich daneben; es ist eine Verbindungstür da. Unsere Fenster gehen auf den Fluß hinaus. Hinter dem Flusse sind die Hügel, steht der Wald. Es wird gerade Frühling sein, wenn ich zurückkomme. Solltest mich sehen: so gesund wie jetzt war ich nie‘, wiederholte der Sohn, der, von Leichen gestützt, als toter, verwesender Brückenbogen zwischen den Schützengräben stand.

Das Glück floß breit in der Mutter.

Wie immer, wenn sie einen Brief erhalten hatte, war ihr der Sohn so nahe, daß sie seine körperliche Anwesenheit fühlte, mit ihm sprach, ihm Ratschläge erteilte, solche von ihm annahm, ihm Vorwürfe machte. ‚Jetzt setze dich einmal dorthin, dort in die Kanapee-Ecke.‘

‚Nun, also jetzt sitze ich.‘

‚Sieh mal, du weißt doch, daß der Vater für nichts Interesse hat, als nur für seine Zeitung und für seinen Gesangverein.‘

‚Aber das kann ja vielleicht gar nicht anders sein, Mutter. Er ist fünfundsechzig Jahre alt und steht seit fünfzig Jahren täglich von früh sechs bis abends sechs an der Hobelbank. So ist er aufgewachsen; so ist er alt geworden. Deshalb hat er nichts als seine Zeitung und seinen Gesangverein.‘

‚Aber er konnte sich doch denken . . .‘

‚Er hat längst vergessen müssen, daß er ein Mensch ist, Mutter. Abgerackert und totmüde ist er seit fünfzig Jahren am Feierabend. Er darf nicht denken; denn sonst würde er sich vielleicht daran erinnern, daß er einmal ein Mensch war.‘