betete die Mutter. Und blieb, in Hoffnung und in düstere Angst gespalten, sitzen und war nicht erlöst.

Denn die Welt war nicht erlöst, da nicht alle Menschen gleich den Müttern und nicht alle Mütter . . . Mütter waren.

Der Brief, den der Sohn in Rußland an eine imaginäre Person geschrieben, nach einem halben Jahre an der Westfront zurückerhalten und doch noch an die Mutter geschickt hatte, traf erst Wochen nach dem Tode des Sohnes ein, zu einer Zeit, in der die Mutter noch immer nicht wußte, daß der Sohn schon gefallen war. Von den fetten Schützengrabenratten schon halb aufgefressen war.

Der Sohn hatte vergessen, die Überschrift zu ändern; die bebende Mutter las:

„Sehr geehrter Herr, erlauben Sie mir, Ihnen den Seelenzustand meines Freundes zu schildern. Es ist Ihnen gewiß auch schon widerfahren, daß Sie beim Hinabsteigen einer Ihnen seit Jahren vertrauten Treppe, im Dunkeln vor der letzten Stufe irrtümlich vermuteten, schon ganz unten zu sein: Ihr zum Ausschreiten vorgestrecktes Bein findet keinen Boden. Sie kennen diese körperliche Erschütterung, die so plötzlich eintritt, daß Dunkelheit und Tiefe, in die Ihr Bein versinkt, in die Höhe und in das überraschte Gehirn hineinsausen und einen seelischen Schreck verursachen. Stellen Sie sich vor, Sie würden drei Jahre lang, so ununterbrochen wie Sie atmen, in diese unerwartet vor Ihnen sich auftuende Tiefe hineintreten, drei Jahre lang ununterbrochen diesen kleinen Seelenschreck erleben. Und stellen Sie sich jetzt, wenn Sie können, diese beständige Seelenerschütterung millionenfach gesteigert vor.

Dagegen gibt es, wie unglaublich Ihnen das auch erscheinen mag, ein Hilfsmittel. Die Gewohnheit. Die meisten Menschen vermögen an Stelle ihrer Seele die Gewohnheit zu setzen. Das tun die Millionen entseelten Soldaten, die dann gewohnheitsmäßig weiterschießen, weiter ihre Gewehrkolben in feuchte Menschengehirne hineinschlagen, weiter das leise zischende Bajonett in weiche Unterleiber hineinstoßen und nicht erschüttert werden, weil der sich Krümmende genau so glotzt wie der, der sich gestern krümmte und fiel.

Es gibt, sehr geehrter Herr, noch ein Mittel. Den Wahnsinn. Diesen Vorgang brauche ich Ihnen nicht näher zu erklären; ich brauche Ihnen einstweilen (denn ich werde Ihnen noch viele Briefe schreiben) nur zu sagen, daß die Träger einer stärkeren Seele, eines empfindlicheren Gewissens sich in die Gewohnheit nicht hineinzuretten vermögen und deshalb natürlich wahnsinnig werden müssen.

Ich habe versucht, Ihnen die Seelenerschütterung begreiflich zu machen, die ein drei Jahre lang uns unterbrochen treppab steigender Mensch empfände, der drei Jahre lang bei jeder Stufe ununterbrochen mit dem zum Ausschreiten vorgestreckten Bein in die nicht erwartete Tiefe sänke. Und habe gesagt, daß diese beständige Seelenerschütterung beim Frontsoldaten millionenfach gesteigert ist. Setzen Sie beispielsweise an Stelle der nicht mehr erwarteten Treppenstufe folgenden unwahrscheinlichen Vorgang (auch die Menschenschlächterei ist absolut unwahrscheinlich): Sie mieten ein möbliertes Zimmer im vierten Stock und öffnen zum erstenmal die Balkontür, treten hinaus, um sich an der schönen Fernsicht zu erfreuen, und stürzen hinunter, weil hinter der Tür kein Balkon ist. Stellen Sie sich vor allem den Moment vor, in dem Ihr überraschtes Bewußtsein in blitzartiger Erschütterung erkennt, daß kein Balkon da ist und daß Sie rettungslos hinunter in die Tiefe stürzen müssen. Da der Mensch Mitgefühl mit seinem Nächsten hat, werden Sie, auch wenn Sie nicht dieser Unglückliche sind, sondern unten auf der Straße stehen und zusehen, wie ein Mensch vom vierten Stocke herabstürzt, ebenfalls diese plötzliche Seelenerschütterung erleben. Und wenn Sie eine Woche lang ununterbrochen zusehen müßten, wie Menschen aus dem vierten Stocke herabstürzen, würden Sie endlich zu lachen beginnen, das heißt, wahnsinnig werden. Oder Sie würden die Augen zumachen, das heißt, sich allmählich daran gewöhnen, daß Menschen vom vierten Stocke herabstützen.

Vergegenwärtigen Sie sich jetzt, wenn Sie können, diesen Seelenschlag in unausrechenbarer Steigerung und ununterbrochen drei Jahre lang erfolgend, dann werden Sie begreifen, daß die große Mehrzahl meiner armen Kameraden sich in die Gewohnheit und die übrigen sich in den Wahnsinn hinein retten müssen.

Und nun bitte ich Sie, eine Seele schreit in Todesnot, ich bitte Sie, raten Sie mir, was soll mein Freund tun, der nicht wahnsinnig und auch nicht eine gewohnheitsmäßig funktionierende Mordmaschine werden kann, da er, göttlich auserkoren, Träger eines beständig wachen Gewissens, Träger einer beständig fließenden Seele ist.