Ich bitte Sie, verschieben Sie jede noch so wichtige Tätigkeit und beantworten Sie mir erst diese Frage, wenn Sie eine Antwort auf diese Frage haben. Legen Sie diese Frage allen Ihren Freunden und Bekannten, legen Sie diese Frage der ganzen Menschheit vor. Eine Seele wartet auf Antwort.
Sollte jedoch Ihre Antwort sein, daß meine Ausführungen die gefühlsmathematische Notwendigkeit ergeben, solch einem Menschen bleibe nichts anderes übrig, als zu fallen und zu sterben, dann brauchen Sie mir nicht zu antworten, da ich selbst schon seit langer Zeit diese Antwort auf die Frage meines Freundes bereithalte. Sollten Sie und die Welt dieselbe Antwort haben, so würde die Erfahrungstatsache, daß unter den Gefallenen immer die Besten des Volkes sind, zu der seelischen Gesetzmäßigkeit erhoben werden, daß unter den Gefallenen die Besten des Volkes sein müssen. Daß die erkorenen, jungen Träger der Wahrheit fallen müssen. Daß die jungen, feurigen Träger des ewig unverrückbaren Menschheitsideales ‚Liebe‘ fallen müssen. Daß die jungen Dichter nicht zurückkehren können. Daß bei ihnen allen einmal der Augenblick kommen muß, in dem sie ganz bei sich selbst angelangt sind, ihr Körper sich bedingungslos der Seele unterordnet und ohne Gegenwehr den Todeshieb empfängt . . .“
Weiter las die Mutter nicht. Die Möglichkeit, weiter zu lesen, war nicht mehr vorhanden; die Denkfähigkeit war aus der Mutter hinausgefallen. Und ihr Gefühl war abgekapselt. Sie saß ganz unbewegt am Tische und sah interesselos den zweiten Brief an, den sie noch nicht geöffnet hatte, weil die Adresse nicht vom Sohne geschrieben war.
Dieses amtliche Schreiben enthielt die kurze Nachricht, daß der Sohn gefallen sei. „Auf dem Felde der Ehre“. Die ahnungslose Mutter ließ das Schreiben uneröffnet liegen.
Plötzlich und schnell, als dürfe nicht eine Sekunde Zeit verloren werden, wurde ihr Körper vor die Kommode gestellt; sie nahm aus dem Drahtkörbchen, das einen bemalten Porzellanboden hatte, den alten Trostbrief heraus und las:
‚Eigentlich, genau besehen, weißt Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war körperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, körperlich nie so gesund wie jetzt . . . Zurückkomme, dann gehen Du und ich einige Wochen aufs Land . . . In einem sonnigen Zimmer, ich daneben . . . Verbindungstür da . . . Gerade Frühling sein . . .‘
Neue Hoffnung durchbrach die Kruste. Und in der Mutter stand ein ungeheurer Wille auf, den Sohn aus der Todesgefahr heraus-, in diese Frühlingswochen hineinzureißen, wo nur noch Glanz und Liebe war.
Ihr werde es gelingen, bis zum Kaiser vorzudringen. Und wenn es nicht anders ginge, sie werde hinauslaufen an die Front, in den Schützengraben und ihren Sohn holen. Sie werde sagen: ‚Das ist mein Sohn. Mein! Mein Sohn!‘ „Es gibt Mittel und Wege. Mittel und Wege. Viele Mittel und Wege. Ich werde totkrank, damit der Sohn Urlaub bekommt. Was auch geschieht, ich lasse ihn nicht mehr fort. Ich werde ihn einsperren. Ich werde ihn verstümmeln. Verstecken. Keller. Wald. Meinen Sohn in meinen Leib zurücknehmen.“
Automatisch öffnete sie das amtliche Schreiben. Las: ‚Feld der Ehre gefallen‘.
„Wer denn? Wer?“ Sah auf.