Hemmungslos, blind für alle Hindernisse, sprang die vornüberstürzende Mutter wie eine schwarze Kegelkugel die Asphaltstraße, die vom Dome abgeschlossen war, hinauf, durch das offene Portal in die Kirche hinein, lautlos weiter geradeaus, durch den Mittelgang, bis vor den Altar,
über dem der Sohn am Kreuze hing und hinuntersah zum Priester, der, von Kindheit an in der Lüge versunken und ertrunken, eben zum schmerzverzerrten Gesicht empor log:
„. . . der du unseren Waffen deinen göttlichen Beistand schenktest, Lob und Preis und Dank sei dir, der du unsere Waffen gesegnet und mit Sieg gekrönet hast.“
Sie rannte die drei Stufen hinauf, prallte gegen den Priester.
Durch alle Türen drängte die Menge herein. Und die Veranlassung dazu verbreitete sich schnell unter den Kirchenbesuchern: fast nur alten Frauen, von denen die meisten ihrer Söhne beraubt waren. Mütter, die, von tödlicher Verzweiflung getrieben, ihre letzte Zuflucht bei Gott suchten, und von Gott, von der Liebe getrennt blieben durch die Lügenmauer, die der um Sieg und Segen für unsere Waffen und um Verderben und Tod für den Feind bittende Priester vor ihren Seelen auftürmte.
Die Mutter vernahm seine letzten Worte und stand, wie von Gott gesandt, eine ewige Sekunde aufgerichtet vor dem Priester. Da flog das von Gott selbst ihr auf die Lippen gegebene Wort „Lüge!“ durch die Kirche und zerriß die ungeheure Spannung.
Sie warf in einem wilden Schwung die Hände empor zum schmerzverzerrten Sohne. Der geängstigte Priester wollte die Mutter wegreißen. Während des kurzen Kampfes prallten beide gegen den Altar:
der Sohn schwankte und neigte sich und sank nach vorne in die empfangenden Arme der Mutter.
Der entsetzte Priester trat zurück.
Ein Hauch zog durch die Kirche, verdichtete sich zu vielstimmigem Geflüster und wurde ein Ton, den die Orgel aufnahm und motivisch mit dem melodisch ansteigenden Vorspiele verband.