Die erhöhte Mutter stand, das Gesicht den Gesichtern zugedreht, den umschlungenen Sohn an der Brust, reglos vor dem Altare, entschlossen zum Sturme gegen Gewalt und Mord. Und alle sahen, daß sie das persönliche Leid hinter sich gelassen hatte und nach dem wilden Schmerzenslauf durch die Stadt in dieser Sekunde den dunklen Mächten entronnen und eingetreten war in die weißfließende Liebe.

Ganz in ruhevollem Glanze versunken, stieg die Verklärte die drei Stufen herunter, ging langsam durch den Mittelgang.

Und die unglücklichen Mütter brachen, vom Unnennbaren berührt, los von der Lüge und folgten. Es wurde kein Wort gesprochen, und nicht ein Mensch blieb zurück.

Nur noch der Priester stand seitwärts neben dem Altare, die weitgeöffneten Augen auf die einmütig Abziehenden gerichtet. Da brach sein Kopf auf die Brust, als habe er einen Hammerschlag in den Nacken bekommen. Er hob das nicht wieder zu erkennende Gesicht und folgte

dem Zuge, der schweigend und mit göttlicher Selbstverständlichkeit die Stadt durchzog und von Minute zu Minute mächtiger anschwoll, beständig vergrößert durch die plötzlich Sehendgewordenen.

Drei Jahre, gefüllt mit Begeisterung, mit Blut, mit zehnmillionenfachem Morde, mit Glauben an die Lüge, mit Standhaftigkeit, Arbeit, Hunger, mit Leid und Leid und Leid waren durchschritten. Nichts war unversucht geblieben; alles war ertragen worden. Vergebens. Der blutige Kreis hatte keinen Ausweg.

Jetzt schritten die Menschen geschlossen und still in den Ausweg: in die Wahrheit hinein. Ohne Worte der Erklärung. Die Neuhinzukommenden fragten nicht. Niemand sprach ein Wort. Die Wahrheit braucht nicht den Ton. Die Wahrheit ist still.

Der für die Menschen am Kreuze gestorbene Sohn, von der Mutter Europas dem Kriege vor das Mordgesicht gehalten, öffnete von neuem die Herzen für die Liebe, deren weißglühender Strom den kilometerlangen Zug beständig durchfloß und allen Widerstand der noch von dunklen Mächten Gefesselten verbrannte.

Aus den Augen eines reitenden Schutzmannes, der den Zug begleitete, brach plötzlich das innere Licht. Er stieg ab.

Und das Pferd, getrennt von seinem Herrn, ganz verbunden mit den Menschen, schritt mit und blickte tief, kindlich und gut.