„Weiß man, weshalb sich der Soldat erschossen hat?“

„Wird seine Frau nicht so vorgefunden haben, wie sich das gehört. Oder er wollte nicht mehr hinaus. Viele wollen nicht mehr hinaus . . . Der Mann bringt sich wegen seiner Frau um. Und die Frauen bringen sich um, weil die Männer gefallen sind. So löscht kreuzweise Eines das Andere aus.“ Er deutete auf das Mädchen, das neben dem Philosophen lag: „Das ist eine Ladnerin; bei ihr wars der Bräutigam.“

„Das haben Sie mir schon gesagt.“ ‚. . . Und jetzt liegt der Philosoph neben der Ladnerin. Der Knabe neben der alten Dame. Die Wasserleiche neben der Giftleiche. Und am häufigsten sind die Gasleichen. Und an der Front liegen Millionen Leichen. Und in Berlin lebt, siegt und verdient man weiter. Die Elektrischen fahren. Und in den Theatern wird gespielt. Und darauf ist man stolz. Denn das ist ein Zeichen von Kultur.‘ „Haben Sie von der revolutionären Friedensdemonstration gehört?“

Der Leichenwärter gab keine Antwort; er wischte wieder das Wasser auf, das von der Leiche heruntergetropft war auf den weißen Steinplattenboden.

Plötzlich zerbrach ein letzter Widerstand, eine letzte Vorsicht im Anwalt: er entschloß sich, sofort den Hotelkellner aufzusuchen.

Unwillkürlich drehte er beim Abschiednehmen das Licht aus. Die Leichen schwammen wieder zu einer dunklen Masse zusammen.

Die Rechnung des Leichenwärters war einfach: ‚Da sich in Berlin, das drei Millionen Einwohner hat, in den letzten drei Jahren achttausendfünfhundert Menschen wegen des Krieges umgebracht haben, werden sich in ganz Deutschland, das siebzig Millionen Einwohner hat, wohl hundertneunzigtausend Menschen wegen des Krieges das Leben genommen haben . . . Und wieviele sind aus Gram über den Heldentod ihrer Angehörigen allmählich eingegangen? Und wieviele sind wahnsinnig geworden? Und wieviele Protestler sitzen im Zuchthause? Wieviel Schwache, Widerstandsunfähige sind krank geworden und eingegangen, bei denen der Befund des Arztes nur hätte lauten können: eigentlich sind sie verhungert?‘

Der Wärter war ein vorsichtiger Mann; er stand in seinem Privatzimmer vor dem Tisch und wog seine Tagesbrotration pedantisch genau ab; er wollte nicht verhungern; er wollte den Krieg überleben; er war interessiert, zu erfahren, welches positive Resultat das Leid und der Tod so vieler Menschen nun eigentlich haben werde.

‚Das sind die Hinterlandkriegstoten: bis jetzt, vorsichtig gerechnet, hundertneunzigtausend Kriegsselbstmörder in Deutschland. Macht mindestens eine Million Selbstmörder in allen kriegführenden Nationen zusammen. Kommen hinzu die zehn Millionen Heldentote. Total: elf Millionen Tote . . . Kommen hinzu die zehn Millionen lebens- und arbeitsunfähig gewordenen Krüppel. Und fünfhundert . . . nein achthundert, nein tausend verpulverte Milliarden, für die den Zins zu erschuften, den arbeitenden Massen überlassen werden wird . . . Wenn ich nun noch das leider nicht zahlenmäßig errechenbare Seelenleid der Hinterbliebenen als unbekannte Pauschalgröße hinzunehme, habe ich ein Recht, auf das positive Resultat, das dieser ungeheure Gesamteinsatz zeitigen wird, neugierig zu sein.‘

Er betrachtete, mit diesem Gedanken beschäftigt, das von einer mächtigen elektrischen Glocke überdachte Klappensystem, das — wie das Klappensystem in einer Telephonzentrale mit den Teilnehmern — durch elektrische Drahtleitung mit den Toten verbunden war. Gift- und Gasleichen und solche, bei denen die Todesursache nicht bekannt war, lagen drei Tage unter Kontakt mit dem Weckapparat. Ein Erwachungsseufzer, die winzigste Fingerbewegung löste den Kontakt aus.